17.7.2020

Jasagen zum Neinsagen

Es gibt eine Spiritualität des Neinsagens

Diese aber muß gelernt und geübt wer­den. Das ist sehr schwer für einen Menschen, der als Kind in der Familie nicht nein sagen durfte. Nur diejenigen, die zu sich selbst ja sagen können, sind fähig, zu Dingen, die sie nicht wollen, nein zu sagen.

In einem Haushalt sind die Aufgaben ver­­­teilt. Der Junge übernimmt das Rasenmähen. Nun sagt die­ser eines Tages: „Nein! Ich tue das nicht mehr!“ Darauf der Vater: „Du über­nimmst die verteilten Aufgaben! Ich finde aber gut, daß du „Nein“ sagen kannst.“

Statt zu sagen: „Du mußt erst deine Hausaufgaben machen, und dann kannst du deine Freunde treffen“, was ein Nein her­vorrufen wird, sollte man sagen: „Du möchtest sicher deine Haus­auf­ga­ben fertig haben, wenn du deine Freunde triffst.“

Neinsagen läßt sich lernen, aber es ist nicht einfach. Die Bereitschaft zum Nein gründet in der Persönlichkeit eines Menschen, und diese ist nur schwer veränderbar.

Wer sich seiner Identität sicher ist, läßt sich selten verunsichern. Wer nicht nein sagen kann, sollte seine Motive dafür erkunden: Will ich perfekt sein? Möchte ich Lob haben? Möchte ich nicht enttäuschen?

Er sollte erkennen, daß Menschen, die auch einmal etwas ablehnen, oft mehr respektiert werden, als diejenigen, die es allen recht machen wollen. „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen." (Mt 5,37)

Zur Polarität des Lebens gehören auch Ja und Nein. Ja ist nicht besser als Nein, und Nein ist nicht schlechter als Ja. Aus dieser Polarität aber wird ein Dualismus, wenn das Nein nicht dem Leben dient, sondern sich dagegen richtet, sei es gegen das Leben des anderen oder das eigene. In einem solchen Dualismus wird das Nein abgespalten und abgewertet, es steht nicht mehr in gesunder Spannung zum Ja. Auch ein isoliertes und damit absolutes Ja kann lebensfeindlich sein. Eine Ausnahme ist das Ja Gottes zu uns; denn in Gott gibt es keine Polarität.

Manche Menschen möchten alles tun, was in ihren Kräften steht, um für den anderen dazusein. Das ist gut, wenn sie sich verzehren wie eine Kerze und sich nicht verheizen lassen.

Zur Nächstenliebe gehört auch eine gesunde Selbstliebe: Man kann erst selbst-los sein, also sein Selbst loslassen, wenn man ein Selbst gebildet hat. Nur Gott kann immer geben, ohne zu empfangen. Der Mensch aber lebt vom Wechsel zwischen Empfangen und Geben. Zeit, in der man für andere da ist, muß wechseln mit Zeit für sich selbst. Dieser Ausgleich ist besonders schwer, wenn mehr berechtigte Forderungen gestellt werden, als zu erfüllen sind, ganz zu schweigen von den übertriebenen oder gar unvertretbaren Ansprüchen.

Menschen auf dem geistlichen Weg wollen oft alles besonders gut machen. Alles wird aufgeopfert; denn viele meinen, opfern könne man nur ein Ja. Es gibt aber auch Situationen, in denen man auf ein Opfer verzichten muß. Ein Opfer muß nicht immer schwer sein; es darf auch Freude machen. Opfern heißt: „In die Heiligkeit Gottes tragen“.

Die französische Schauspielerin und Mystikerin Gabrielle Bossis (1874–1950) hörte Christus sagen: „Warum opfert man mir nur Leiden? Meinst du nicht, daß deine Freuden mir nicht ebensoviel wert sind, wofern sie mir nur mit der gleichen Liebe dargebracht werden? Ich bedarf eurer Mühsale und eurer Müdigkeit, aber nicht weniger bedarf ich eurer Freuden.“