22.2.2020

Ekstase

Alle Kulturkreise kennen ekstatische religiöse Erlebnisse. Sie sind so universell wie Nahtoderfahrungen und ähneln einander oft. Wir können sie nicht erklären.

Ekstase ist laut dem Theologen und Psychotherapeuten Wunibald Müller (* 1950) der Moment höchster und dichtester Unmittelbarkeit, in dem der Mensch ungehemmt er selbst ist und in der Begegnung mit Gott alle Schleusen in sich öffnet, um auf Gott einströmen zu lassen, was ihm persönlich auf der Seele liegt. Er hält nichts mehr zurück, sondern trägt den intimsten Urgrund seines Innersten vor Gott. So „gerät das Wetter einer Gewalt, eines Überschwungs, einer Unendlichkeit“ (Martin Buber 1878-1965) über ihn, da seine ursprüngliche Sicherheit, die Schranke zwischen ihm und dem Gegenüber aufgehoben ist.

In der Ekstase erfahren wir Gott intensiver, als wenn wir zu ihm beten oder nur über ihn sprechen; denn er zeigt uns seine ihm eigenen Seiten und eröffnet uns dadurch Dimensionen seiner selbst, die ihn uns mit all unseren Sinnen erfassen lassen. In der Ekstase offenbart sich uns unser Glaube mit all seiner Kraft.

Bei Stefan Zweig (1881-1942) heißt es: „Und ich nahm diese heiß vorstoßende, diese glühend eindringliche Stimme in mich auf, schauernd und schmerzhaft, wie ein Weib den Mann in sich empfängt ...“ Aus Kommunikation wird Kommunion; denn Gottes Wort, ja er selbst kehrt bei uns ein und nimmt bei uns Wohnung, wenn wir ihm den Weg zu unserer Mitte öffnen.

Ekstase ist das Arbeit und Muße Über­­stei­gende. In ihr gibt sich der Mensch im Höhenflug Gott anheim, indem er aus sich heraustritt und sich selbst übersteigt. Der Orgasmus als ekstatische Erfahrung übersteigt die Polspannung von Mann und Frau, und es entsteht das Einheitsgefühl: „Ich bin Du und Du bist ich.“

Es gibt keine religiöse Erfahrung ohne Vermittlung der Sinne. Spezialisten der Ekstase wie Schamanen und Medizinmänner erleben das Heilige in einer tieferen und persönlicheren Weise als andere. In den höher entwickelten Kulturen entsprechen ihnen die Mystiker. Dabei spielt die Sinnenhaftigkeit eine besondere Rolle. Jede Erscheinung des Heiligen stellt ein neues Eintreten des Heiligen in die jeweilige kosmische Umwelt dar, aber die Erscheinung setzt keineswegs die normale Sinneserfahrung außer Kraft.

 

Die Skulptur „Verzückung der Theresia von Avila“ (1515-1582) von Giovanni Lorenzo Bernini (1598–1680) befindet sich in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. Sie zeigt die heilige Theresia im Augenblick ihrer Vision, bei der ihr ein Engel mit dem Pfeil der göttlichen Liebe das Herz durchbohrt. In ihrer Autobiographie beschreibt die heilige Theresia dieses Erlebnis wie folgt:
„Unmittelbar neben mir sah ich einen Engel in vollkommener körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön, und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, daß er zu jenen Engeln gehören mußte, die ganz vom Feuer göttlicher Liebe durchleuchtet sind; es müssen jene sein, die man Seraphe nennt. In der Hand des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, daß ich klagend aufschrie. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, daß ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann.“

Einige Kunsthistoriker haben die Möglichkeit einer sexuellen Deutungsweise erwogen: „Ein Gesichtsausdruck wie der einer Frau im Orgasmus.“

Siehe auch den Bericht von Astrid Nettling „,Die Ekstase der Heiligen Teresa’ – Der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini und sein Teresa-Altar“ vom 20. Juli 2016 im Deutschlandfunk.