18.5.2022

Faktum oder Geheimnis

„Alle Dinge kann man doppelt betrachten: als Faktum und als Geheimnis.“ (Hans Urs von Balthasar 1905-1988) „Alles Sichtbare ist ein in einen Geheimniszustand erhobenes Unsichtbares.“ (Novalis 1772-1802)

Das Geheimnis ist nicht etwas Abwesendes, sondern es ist in einer Weise anwesend, die sich unseren Sinnen nicht zeigt.

Vermutlich hätten die meisten Menschen nur das Faktum wahrgenommen, Mose aber erkennt auch das Geheimnis und nähert sich dem Mysterium des brennenden Dornbusches, indem er sich die Schuhe auszieht (vgl. Ex 3,1-3).

Der Begriff „Geheimnis“ fixiert nicht und definiert auch nicht, sondern bleibt sprachlich in der Schwebe.

Auch Zeichen und Symbol verhalten sich wie Faktum und Geheimnis.

Gabriel Garcia Marquez (1927-2014) sagte, er habe ein öffentliches, ein privates und ein geheimes Leben.

Die Mystiker aller Zeiten hatten Schwierigkeiten mit den Glaubensgemeinschaften, weil man ihre Erfahrungen nicht in Wissen übertragen konnte. Viele hat man deswegen bedrängt oder sogar umgebracht. Aber für die Zukunft gilt vermutlich, was Karl Rahner (1904-1984) bereits 1966 formuliert hat: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

Bert Brecht (1898-1956)
Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen?
Plötzlich, dunkelrot und jung und nah?
Ach, wir kamen nicht, sie zu besuchen
Aber, als wir kamen, war sie da.
Eh sie da war, ward sie nicht erwartet.
Als sie da war, ward sie kaum geglaubt.
Ach, zum Ziele kam, was nie gestartet.
Aber war es so nicht überhaupt?

Diese Verse des verliebten alten Bert Brecht erläutern, daß Liebe als Faktum in den Bereich der Triebe gehört, als Geheimnis aber das Einmalige und Unfaßbare darstellt. Dies gilt erst recht in der Beziehung zu Gott. Wie oft offenbart sich Gott geheimnisvoll mitten in unserem Alltag. Genau das macht unseren Glauben aus.