1.5.2020

Frau und Mann

„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein ist.“ (Gen 2,18)

In der Bibel heißt es am Anfang der Schöpfung: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein ist.“ (Gen 2,18) In der Konsequenz dieser Erkenntnis beschloß Gott, ihm eine Hilfe zu machen (vgl. Gen 2,19) und formte aus der Rippe des Adam die Frau Eva.

Manche Männer verstehen diese „Hilfe“ auch heute noch als „Haushaltshilfe“. Angelika Krebs (* 1961): „Frau und Mann sind eins und der Mann ist das Eine.“ Mann und Frau sind gleich­­­­­wertig und sollen sich als einander ergänzende Gegenüber sehen. Der Mann ist Mann, um der Frau das Frausein zu ermöglichen, die Frau ist Frau, um dem Mann das Mannsein zu ermöglichen.

 

Nicht nur Berührung oder Druck, sondern auch Wärme oder Kälte beeinflussen unser Fühlen und Empfinden. Das Spüren der warmen Haut der Mutter ist für das Neugeborene der erste Akt der Eingliederung in die menschliche Gesellschaft. Später gibt es dem Kind immer wieder Sicherheit, wenn es die Mutter anfassen kann. Das Berühren überzeugt mehr vom Vorhandensein des anderen als das Sehen und Hören. Wichtig für Berührungen sind Lippen und Finger. Welche Bedeutung haben gerade in der Liebe der Kuß und das Streicheln. Liebende können durch Gesten der Zärtlichkeit mehr ausdrücken als durch Worte. Insofern bedarf es dringend eines Wandels der nicht seltenen Feststellung „Mann will Sex und nimmt Zärtlichkeit in Kauf – Frau will Zärtlichkeit und nimmt Sex in Kauf“.

Bereits bei Jugendlichen gibt es Unterschiede: Jungen starten mit dem Lustaspekt, Mädchen mit dem Beziehungsaspekt; viele Mädchen finden erst über die Liebe auch zum Sex, während viele Jungen über Sex zur Liebe finden.

Männer können kaum einsehen, daß die Frau potenter ist als der Mann. Er spürt seine Sexualität in der Pubertät, die Frau aber muß geweckt werden. Welcher Mann weiß aber wirklich, wie die Frau behandelt werden möchte? Ein Frau sagte mir, bei uns läuft das so ab: „Rauf, rein, raus, umdrehen und schlafen.“ Wie oft bleibt eine Frau unbefriedigt zurück, und der Mann weiß gar nicht, was ihr fehlt.

Der Orgasmus steht nicht im Mittelpunkt der weiblichen Sexualität. Wenn die Frau aber einen Orgasmus erlebt, kann der Mann nur neidisch werden.

Eine Frau schrieb mir vor fast 30 Jahren in einem fünfseitigen Brief unter anderem:
„So, und nun kommt der Punkt, von dem A. nichts weiß, den er nie erfahren darf, weil es ihn furchtbar tief verletzten würde: ich habe mit B. trotz aller widrigen Umstände – geschlafen, nicht nur einmal – sondern mehrmals. Und das mit einer Lust, einem Verlangen, das mich selbst erschrecken ließ. Ich habe so etwas Schönes und Intensives noch nie erlebt! Es kam mir vor, als sei B. der erste Mann in meinem Leben! Und das hatte nichts mit Routine zu tun (die hatte B. nun denn (leider ?) doch nicht), sondern mit der – auch wenn’s leutselig klingt – Harmonie des Augenblicks. Mit diesem – oder bei diesem – Mann konnte ich endlich alle meine Hemmungen und Zweifel fallen lassen – und mich auch. Jetzt weiß ich, was ein Orgasmus ist. Und wie sehr er mich an mich herangeführt hat!!! Und es war etwas total tief Empfundenes. Nach dem „ersten Mal“ habe ich es auch gesagt, das war kein Sex, das war eine Vereinigung! Es ist bitter, aber jetzt weiß ich, was mir in der Beziehung mit A. gefehlt hat – das Gefühl, glücklich zu sein. Das mag jetzt so klingen, als würde ich das am sexuellen Erleben festmachen. Dem ist aber nicht so! Schon lange – zu lange – habe ich Zweifel daran gehabt, ob ich in meiner Ehe mit A. glücklich sein/werden kann. Schon lange habe ich mich nicht glücklich gefühlt.“

In diesem Brief wird deutlich, wie sehr sich der Ausspruch von Simone de Beauvoir (1908–1986) bewahrheitet: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“. Ähnlich formuliert es Milva (* 1939) in ihrem Song „Zusammenleben“.

 

Die Kirche versündigt sich, weil sie die Sexualität noch immer so sehr verteufelt und sie nur zur Zeugung von Nachkommen, und das natürlich nur in der Ehe, gelten läßt. Alles andere ist schwere Sünde. In dem Buch „Katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone (1885-1967), nach dem meine Generation noch lernen mußte, war von ehrbaren, weniger ehrbaren und unehrbaren Körperteilen die Rede.

Jone

In der sexuellen Vereinigung fluten Ein­zelwesen inein­ander wie die Wellen in einem Strom. Im sexuellen Kon­takt be­kommt man den eigenen Leib durch den an­de­ren geschenkt.

Obwohl man heute of­fen über Sexualität spricht, bleibt sie dennoch ein Ge­heimnis.

Wenn die Mystiker und vor allem die My­stikerinnen ihre Beziehung zu Gott beschreiben, klingt das oft sehr erotisch.

 

Kennen Sie die Statue „Verzückung der There­sia von Avila“ von Giovanni Lorenzo Bernini? Theresia wird von ei­nem Pfeil ge­troffen, und die Fachleute sagen: „Ihr Gesichts­aus­druck ist der einer Frau im heftigen Orgasmus.“ Hier fallen Spi­­ri­tualität und Sexualität zu­sammen. Bei aller Sprachlosigkeit wird die erotische Spra­che der Wirklich­keit noch am ehesten gerecht. Wichtig wäre die Frage, warum lassen so wenige diese Wirk­lich­keit zu? Ist es die Angst vor dem „In-IHM-sein“?

 

 

 

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Geschichtliches

Bevor es die heute bekannte Einehe gab, lebten die Menschen der Frühzeit in einer Sippe, in der Sex unter den Mitgliedern offiziell verboten war. Die Sippe konnte durch sexuelle Leidenschaften nie in Gefahr geraten, während die Ehe leicht zerbricht, wenn Lust und Liebe enden. In den Sippen hatten die Frauen viel zu sagen, es herrschte das Matriarchat. Das war unter anderem darin begründet, daß die Frauen den für das Überleben wichtigen Ackerbau betrieben, während die Männer auf die Jagd gingen.

Es ist zu vermuten, daß man biologisch von einer „Vaterschaft“ nichts wußte, wohingegen die Mutter immer sicher war. „Mit Kind und Kegel“ bedeutet „mit ehelichem und unehelichem Kind“. Ehen entstanden zu einer Zeit, als Unterordnung wichtig war. Für die Frauen und Kinder war die Sippe sicherer als die Familie.

Die Ehen schloß der Pater familias, das männliche Familienoberhaupt. Erst seit dem Konzil von Trient (1545-1563) gibt es die Trauung in der Kirche vor dem Pfarrer. Damals sagte man: „Weil Du meine Frau bist, liebe ich Dich“, heute heißt es: „Weil ich Dich liebe, wirst Du meine Frau.“

Die Eheschließung vor der Geburt der eigenen Kinder ist zur Zeit im Abbau begriffen. Inzwischen heiraten Eltern meist erst nach der Geburt des ersten oder zweiten Kindes.

Die Zahl der „Patchwork-Familien“ nimmt zu. Da die meisten Frauen heute ihr eigenes Einkommen haben, können sie sich leichter scheiden lassen. Was nach der Ehe kommt, wissen wir noch nicht. Es gibt noch keine gute Alternative. Die Kommunen der sechziger Jahre im Westen sind alle gescheitert.