7.5.2022

Für wen gehst du?

Martin Buber (1878-1965):

Der Wächter

In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute zu dingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali eines Abends spät am Rande des Waldes entlangging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter. „Für wen gehst du?“, fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage daran: „Und für wen geht Ihr, Rabbi?“ Das Wort traf den Zaddik (Gerechten) wie ein Pfeil. „Noch gehe ich für niemand“, brachte er mühsam hervor, dann schritt er lange schweigend neben dem Mann auf und nieder. „Willst du mein Diener werden?“, fragte er endlich. „Das will ich gern“, antwortete jener, „aber was habe ich zu tun?“ „Mich zu erinnern“, sagte Rabbi Naftali (Buber Martin, Der Wächter, in: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich, 1949, 671).

Diese chassidische Geschichte betrifft auch uns. Was ist unsere eigentliche Lebensfrage? Gehe ich überhaupt für jemanden?

In der Apostelgeschichte hießen die Christen „Leute des neuen Weges“ (vgl. Apg 9,2 u. ö.). Wohnt in der Kirche noch die Zukunft, oder ist diese schon an ihr vorbeigezogen?

Als Priester gehe ich seit der Weihe im Auftrag Gottes. Als Spiritual brauche ich keine Verwaltungsaufgaben zu erledigen, sondern darf den Menschen helfen, die Sprache Gottes zu verstehen. Somit wird ihnen nicht nur klar, was Glaube bedeuten kann, sondern sie lernen vor allem, Gott in ihrem Leben zu erfahren.

Eine junge Frau, die in ihrem Leben neue Wege beschreiten wollte, gab sich auch einen neuen Namen: Almut Neuwegen. Mit allem Mut wollte sie den neuen Weg angehen. Äußerlich tat sie dies auf dem Camino de Santiago, innerlich warf sie zahlreichen Ballast ab und wurde frei für Neues.

Seit meinem Aufenthalt in der Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte in den 1970er Jahren beschäftigt mich der Satz: „Nicht wissend den Weg, geh‘ ich den Weg mit geöffneten Händen und in vollem Vertrauen.“

Siehe auch Themenfeld „Weg - Gehen - Füße“.