31.7.2022

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ganzes Selbst

Jesus sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst.“ (Mt 16,24) Wie paßt das zur Selbstverwirklichung? Da geht es um den Zusammenfall der Gegensätze. Auch hier gilt das Sowohl-als-auch. Das darf nicht als Kompromiß verstanden werden. In der Bibel heißt es: „Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Offb 3,15f).

Unsere Aufgabe besteht also nicht darin, ein bißchen Selbstverwirklichung mit einer Prise Selbstverleugnung zu vermischen. Unser von Gott gewolltes ganzes Selbst können wir nur verwirklichen, wenn wir unser allzu enges, eigenwilliges Selbst verleugnen. Was ein in sich selbst verhafteter Egoist für sein Selbst hält, ist damit nicht gemeint. Wir müssen zu unserem Inneren vorstoßen. „Gott ist mir innerlicher als ich selbst.“ Augustinus (354-439) Nur wer von sich selbst absieht und in der Mitte das Ganze sieht, verwirklicht sich selbst.

Selbstverwirklichung darf nicht mit Egoismus, Selbsterlösung und rein menschlichem Selbstentwurf gleichgesetzt werden. Unser Selbst ist nichts Gottfremdes, das unterdrückt und vernichtet werden muß, sondern gerade der Ausdruck des Göttlichen in uns.

Nur wer ein Selbst hat, kann selbst-los sein. Worte mit dem Präfix „Selbst“ reichen buchstäblich von A bis Z, von „Selbst-Achtung“ bis „Selbst-Zucht“.

Die Krise vieler Christen besteht gerade darin, daß sie zuwenig wagen, sie selbst zu sein, also den Auftrag der Selbstverwirklichung nicht ernst genug nehmen. Positiv formuliert bedeutet Selbstlosigkeit, weniger von sich als vom anderen her zu denken und zu handeln; negativ ausgedrückt bezeichnet der Begriff einen Menschen ohne Selbst, ohne eigenes Profil, eine Kopie statt eines Originals. Selbstverwirklichung schließt aktive Selbsterziehung ein.

Willibald Hoffsümmer (* 1941):
Die langen Löffel

Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihn dem Propheten Elija als Führer mit. Elija führte den Rabbi zuerst in einem großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand. Rundum saßen Leute mit langen Löffeln und schöpften alle aus dem Topf. Aber die Leute sahen blaß, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Denn die Stiele ihrer Löffel waren so lang, daß sie das herrliche Essen nicht in den Mund bringen konnten. Als die beiden Besucher wieder draußen waren, fragte der Rabbi den Propheten, welch ein seltsamer Ort das gewesen sei. Es war die Hölle.
Darauf führte Elija den Rabbi in einem zweiten Raum, der genauso aussah wie der erste. In der Mitte brannte ein Feuer und kochte ein köstliches Essen. Leute saßen herum mit langen Löffeln in der Hand. Aber die waren alle gut genährt, gesund und glücklich. Sie unterhielten sich angeregt. Sie versuchten nicht sich selbst zu füttern, sondern benutzten die langen Löffel, um sich gegenseitig zu essen zu geben. Der Raum war der Himmel.

 

Selbstverhaftung führt zu Selbstvernichtung, selbstbewußte Selbstlosigkeit zu Selbstverwirklichung. Ein Christ darf nicht nur, er soll, ja muß sich selbst verwirklichen, sonst enttäuscht er seinen Schöpfer. Jesus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22,39) Ohne unseren Nächsten können wir kein Selbst sein. Nur miteinander sind die Reben der Weinstock. Könnten sie singen, dann sängen sie begeistert: „Wir leben, aber nicht mehr wir, der göttliche Weinstock lebt in uns. Lob sei unserem Selbst!“