Gedanken zu Lesefrüchten (11.12.2018)

Schweigen in Stille

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

„Merke auf dieses feine, unaufhörliche Geräusch; es ist die Stille. Horch auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt.“ (Paul Valéry 1841-1945)

Viele Menschen wünschen sich Stille. Aber nur wenige halten sie wirklich aus; denn Stille bedeutet nicht Schweigen; dieses ist bei weitem nicht identisch mit Stille.

„Die Stille ist Gottes Muttersprache. Alles andere ist eine armselige Übersetzung.“ (Thomas Keating, Trappist, 1923-2018)

Es gilt, Stille zu üben, um dauernd in der Gegenwart Gottes zu verbleiben; denn in der Stille begegnen wir seiner immerwährenden göttlichen Liebe.

 

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre
Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:
Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.
Rainer Maria Rilke 1875-1926