Gedanken zu Lesefrüchten (11.2.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Mir ist der folgende Satz von Karl Rahner (1904-1984), den er bereits 1966 veröffentlicht hat, sehr wichtig: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Siehe Lesefrüchte 7.1.2019.

Nun lese ich bei dem Theologen und Religionsphilosophen Ingolf Ulrich Dalfert (* 1948): „Erfahrungsfixierung geht am Christentum ebenso vorbei wie die Textfixierung.“ Er ist der Ansicht, das Christentum solle nicht an Erfahrungen anknüpfen, sondern gerade eine Gegengeschichte erzählen; denn Gott sei auch dort, wo er nicht erfahren werde. Die Gewißheit von Gottes Gegenwart sei in der Verzweiflung über seine Abwesenheit untergegangen. Laut Ingolf Ulrich Dalfert hat sich Gottes Gegenwart genau in dem Augenblick erschlossen, als Jesus am Kreuz Gott nicht mehr erfuhr.

Den Kern des Christentums bildet demnach eine Lücke, die nicht mehr durch Erfahrung zu füllen ist. Ingolf Ulrich Dalfert: „Es geht um einen Bruch in der Erfahrung, und der verweist auf Gott.“

Ich vertrete die Meinung: „Es gibt nichts, von dem das Gegenteil nicht auch richtig ist.“ Es gibt eine Wirklichkeitsebene, auf der die Gegensätze zusammenfallen. Für mich ist Gott der Zusammenfall der Gegensätze.

Siehe auch Yin-Yang = Mein Logo.