Gedanken zu Lesefrüchten (13.1.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Wer Gott greifen will, begreift ihn nicht

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, formuliert Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Gott ist kein Gegenstand, er ist nicht brauchbar, und er bringt kei­nen Nutzen. Es gibt ihn nicht in der Art, wie zum Beispiel ein Gegenstand neben dem anderen existiert. Er ist ein Wesen, das die men­schliche Vorstellungskraft übersteigt. Wir können ihn nicht sehen, weil er uns zu nahe ist.

Aber wir erlauben uns, ihn als einen alten Mann mit Bart auf einem Thron im Himmel darzustellen.

Gottes Sohn ist Mensch geworden wie wir und ist somit darstellbar.

Von Gott sagt der Apostel Paulus: „In dir leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28) Er ist in uns, und wir sind in ihm. Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern eine „Stimme verschwe­benden Schwei­gens“ (1 Kö 19,11f; Übersetzung Martin Bu­ber).

Beim Heiligen Geist verhält es sich anders. Wir stellen ihn uns vor wie eine Taube. Aber so gegenständlich ist er nicht. Der Evangelist Markus bringt bei der Taufe Jesu nur den Vergleich mit einer Taube: „..., daß der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ (Mk 1,10)

Der Maler des Isenheimer Altars Matthias Grünewald stellt die Verkündigungsszene entsprechend dem Evangelisten Matthäus so dar, daß das „Wirken des Heiligen Geistes“ (Mt 1.18) durch eine Taube nur angedeutet wird.

Wer Gott greifen will, begreift ihn nicht! Geben wir uns doch mit dem großen Geheimnis dessen, was wir Gott nennen, zufrieden.

Siehe Lesefrucht vom 19. August 2019 - Warum können wir Gott nicht sehen?
und
Lesefrucht vom 17. Juni 2019 – Der göttliche Tanz.