Gedanken zu Lesefrüchten (14.10.2019)

Dreck ist Materie am falschen Platz

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Unsere eventuell ablehnende Haltung gegenüber Staub ist möglicherweise darin begründet, daß wir selbst eines Tages in kleinste Materie zerfallen und dann durch den Kosmos treiben. Vielleicht möchten wir daran nicht gerne erinnert werden.

Aber wir stammen aus dem Staub, dem Sternenstaub. Am Aschermittwoch erinnern wir uns daran, daß wir zum Sternenstaub zurückkehren.

Schmieröl gehört an das Scharnier der Tür, damit sie nicht quietscht, an der Hand, mit der ich zum Beispiel ein weißes Tischtuch be­rüh­re, ist es am falschen Platz.

Der Komposthaufen hat auf einem Bauernhof einen be­vor­zug­­ten Platz; denn Mist ist sehr wertvoll. Wie gehe ich mit dem „Mist in meinem Leben“ um? Wenn ich entdecke, daß auch dieser Teil des Lebens seine Bedeutung hat, bekomme ich ei­nen Anstoß, diese Anteile sinnvoll in mein Leben zu integrieren. Es kommt darauf an, diesen achtsamen Blick zu kulti­vieren. Das wirkt befreiend. Der Hahn kratzt aus dem größten Mist ein Korn hervor.

„Das Pferd macht den Mist im Stalle, und obgleich der Mist einen Unflat und Stank an sich hat, so zieht dasselbe Pferd doch den Mist mit großer Mühe auf das Feld, und dann wächst daraus edler, schöner Weizen und der edle, süße Wein, der nim­mer so wüchse, wäre der Mist nicht da.

Also trage deinen Mist – das sind deine eigenen Gebrechen, die du nicht abtun und ablegen noch überwinden kannst, – mit Müh und mit Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Got­tes in rechter Gelassenheit deiner selbst.“ (Johannes Tauler)

Weizen und Unkraut (Beikraut) gehören zusammen (Mt 13, 25). Der Weizen und das von uns als Unkraut bezeichnete Bei­kraut sind nicht trennscharf zu erkennen, sondern sie sind mit­ein­ander verflochten. Es gilt Geduld mit dem Unfertigen zu ha­ben. Wem man die Dämonen austreibt, dem treibt man auch die Engel aus.

Ein gepflegter Haushalt ist bürgerliche Norm. Dabei wird das Putzen aber auch heute noch vielfach den Frauen überlassen. Meine Mutter hat es mit dem Putzen übertrieben, sodaß ich ihr sagte: „Wenn du bei Petrus ankommst und gefragt wirst, was du aus deinem Leben gemacht hast, müßtest du sagen ‚Ich habe es verputzt’.“

Was genau heißt sauber? Geht man davon aus, daß Schmutz in der Regel kleinteilige Materie ist, klebrig, fettig, staubig und schmierig, und das an Stellen, auf Flächen oder an Orten, wo er unerwünscht ist, macht es einen Riesenunterschied, ob er sich übersehen läßt oder ins Blickfeld drängt. Jedenfalls ist Dreck Materie am falschen Platz. Geben wir ihm den zustehenden Ort.