Gedanken zu Lesefrüchten (15.7.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Gottes Wort bleibt Menschenwort

Die nackte Wahrheit gibt es nicht. Nicht einmal der Bericht über einen erfahrenen Traum ist „nackte Wahrheit“. Wenn ich den Mund aufmache, lüge ich; denn ich kann immer nur die halbe Wahrheit sagen, weil alles auch etwas vom Gegenteil hat. Nichts ist zum Beispiel nur ganz gut oder ganz schlecht. Aber wer hinterfragt dies?

Eine Lüge eindeutig als böse zu brandmarken, fällt schwer angesichts der Tatsache, daß es sogar in der Bibel Texte gibt, die eine Lüge eindeutig billigen.

Lügen ist eine der Freiheiten des Menschen und unterscheidet ihn vom Tier. Nicht wenige Menschen plädieren gegen die volle Wahrheit; denn die ungeschminkte Offenheit ist oft nur verletzend und deshalb tun­­lichst zu verschweigen.

Die Naturwissenschaften machen exakte Vorhersagen für Er­eig­­nisse und verstehen sich als wissenschaftliche Wahr­­­­heit. Im Bereich der Geisteswissenschaften aber ist Wahrheit immer auch Interpretation. In der Kunst läßt sich schwer von Wahr­heit sprechen, weil es keine Kriterien gibt, an denen sie sich messen ließe.

Wir Menschen haben immer nur Teilwahrheiten zu verant­worten. Psalm 116,11 übersetzt Arnold Stadler (* 1954): „Die Menschen lü­gen. Alle“, obwohl es in den 10 Geboten heißt: „Du sollst nicht lügen.“ Wer aus gan­zem Herzen an Gott, den Barmherzigen, glaubt, wird nicht lügen, weil er es nicht nötig hat, als eigener Fake durch die Welt zu laufen. Zur vollkommenen Ehrlichkeit gehört allerdings auch die Konsequenz, „Fake News“ endlich wieder als das zu bezeichnen, was sie in Wahrheit sind, nämlich Lügen.

Wenn ein Kind zum ersten Mal lügt, zeigt das einen Wende­punkt in seiner geistigen Entwicklung: Es hat einen Unterschied zwischen wahr und falsch begriffen.

Weshalb sagt der Mensch doch oft die Wahrheit? Ehrlichkeit ist eben einfach bequemer; denn die Lüge erfordert Erfindung, Verstellung und Ge­dächtnis.

„Einen Fehler durch eine Lüge verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch ersetzen.“ (Aristoteles 384–322 v. Chr. G.)

Im Märchen „Die Wahrheit und das Märchen“ weiß sich die nackte Wahrheit zu helfen.