Gedanken zu Lesefrüchten (2.8.2021)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Ilona Bürgel
Die Kunst, die Arbeit zu genießen
Erfolg und neue Lebensfreude im Job
Kreuz Verlag 2014
Link zum Buch

Als ich frisch aus der Volksschule in die Maurerlehre kam, stellte man mich gleich auf die Probe: „Junge, Du hast doch gut gelernt. Wie heißt es: ,Laß mich oder laß mir arbeiten?‘“ Ich gab brav die richtige Antwort, und man sagte mir: „Du mußt hier doch noch etwas lernen: Laß andere arbeiten!“

Arbeit ist für den Menschen etwas Wichtiges. Als man Sigmund Freud (1856-1939) fragte, was ein normaler Mensch gut können müsse, erwartete man vermutlich eine komplizierte, tiefsinnige Antwort. Aber der Tiefenpsychologe soll schlicht und einfach gesagt haben: „Lieben und Arbeiten – Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können.“

Im Mittelalter hat sich eine Umwertung des sozialen Status der Arbeit vollzogen, in deren Verlauf sie sich von der verachtungswürdigen Plackerei des antiken Sklaven zur ehrbaren Tätigkeit des freien Bürgers emanzipierte. Bei den Römern hieß Muße „otium“ und Arbeit „negotium“, also „Nicht-Muße“.

Der Mensch hat aber laut der Bibel Ähnlichkeit mit Gott. Dadurch wird menschliche Arbeit zur Mitwirkung am göttlichen Schöpfungswerk.

Wir sind eine Einheit von Leistung und Wohlbefinden. Ein wichtiges Element ist das Gefühl von Zugehörigkeit zur und Identifikation mit der Arbeit. In jedem Beruf läßt sich ein Sinn finden.

In Michael Endes (1929-1995) Buch „Momo“ verrät der alte Straßenkehrer Beppo seiner Freundin Momo sein Geheimnis: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.

Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du?

Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.

Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig.“

Siehe auch Impuls vom 26. September 2020 – Arbeitsfähig und urlaubsfähig und Predigt in Billerbeck am 18. Juli 2021.