Gedanken zu Lesefrüchten (16.9.2019)

Ich mag dich leiden

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Lieben und Leiden sind ein und dasselbe. Lie­be ist das Leiden, einem anderen nicht aus dem Weg gehen zu können. Die Kunst des Opfers ist die Kunst des Liebens. Lie­be ist nicht nur eitel Sonnenschein mit vielen Schmet­ter­­­lingen im Bauch. Sie kann auch ein Element des Leidens ent­halten. Es gilt zu lernen, daß intensive Liebe auch immer mit einer Last und mit Sorgen verbunden ist.

Wenn in einer Liebesbeziehung die Schmetterlinge nicht mehr fliegen, wird Beziehung Arbeit und will gepflegt wer­­den. Das liegt auch da­r­an, daß die Einstellung zur Ehe sich verän­dert hat. Früher hieß es: „Weil du meine Frau bist, liebe ich dich!“, wohingegen man heute formuliert: „Weil ich dich liebe, wirst du meine Frau!“

„Das, was das Phantastische der Liebe sehr beweist, ist, daß man den geliebten Gegenstand mehr in seiner Abwesenheit als in seiner Gegenwart liebt, bei der Freundschaft ist das an­ders.“ (Immanuel Kant 1724-1804)

Siehe auch Impuls „Ich mag die Kirche leiden, leide aber auch an ihr“.