Gedanken zu Lesefrüchten (17.5.2021)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Nicht „WARUM?“, sondern „WOZU?“

Schon oft habe ich die Aussage dieser Überschrift in Artikeln auf Neusehland verwendet. Das Gedicht aus dem Buch von Pierre Stutz hat mich angeregt, es einem Artikel aus meinem sogenannten Weisheitsbuch „Was mich ärgert, hat mit mir zu tun“ gegenüberzustellen.

  • Pierre Stutz
  • Verlag Herder
  • 1. Auflage 2020
  • virtuell (Internetdatei)
  • 192 Seiten
  • ISBN: 978-3-451-81978-0
  • Bestellnummer: P819789

Link zum Buch

 

 

Pierre Stutz:

Nachtgebet

Nacht für Nacht lernen mich anzunehmen
mit meiner Unfähigkeit loszulassen achtsam ein- und ausatmen
als Ausdruck des Wohlwollens

Nacht für Nacht lernen mir zärtlich zu begegnen
gegenwärtig sein im Hier und Jetzt tief durchatmen
als Ausdruck meiner Hoffnung

Nacht für Nacht nicht nach dem Warum fragen
sondern mich Atemzug für Atemzug zu einem Wozu bewegen lassen
als Ausdruck meines Vertrauens

* * * * *

Hans-Karl Seeger:

Nicht „WARUM?“, sondern „WOZU?“

Unser Leben ist sehr stark von der Frage nach dem Warum ge­prägt. Das liegt an unserer überaus zielorien­tierten Ausrich­tung. Vielleicht gelingt es uns, andere Schwerpunkte zu setzen.

Es gibt Warum-Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Das soll­ten wir gelassen hinnehmen. Statt dessen lohnt es sich zu fra­gen, wozu zum Beispiel dieses und jenes passiert. „Warum“ ist rückwärtsgerichtet, „Wozu“ zukunftsorientiert. Viel­leicht soll­ten wir daraus etwas lernen für die Zukunft. Das gilt vor allem für das, was wir als Unglück betrachten.

Eine Erprobung dient dazu, uns selbst besser ken­nenzu­lernen. Alles was geschieht, ist letztlich für etwas gut, nicht unbe­dingt für den Betroffenen selbst und oft auch erst im Rückblick. Im Laufe der Zeit, auch weit über die Zeit des ein­zelnen Men­schen hinaus, wird möglicherweise ein Sinn, ein Zu­sammenhang des Geschehens erkennbar, den es von vorn­herein schon hatte oder im Nachhinein doch noch gewonnen hat.

Selbst der Sinn der Schuld kann in ihrem Anstoß zur Wand­lung bestehen. Eingestandene Fehler können zu ausgestan­de­nen Fehlern werden.

Anstatt zu fragen: „Warum passiert mir das? Warum bin ich?“, sollten wir hinterfragen: „Wozu bin ich auf Erden? Wozu passiert mir das? Was soll ich daraus lernen?“ Die Antwort lautet: „Damit du ein Mensch wirst, der Verant­wortung für sein Leben übernehmen kann.“

Gelingt es mir, das Fragen nach dem Warum aufzugeben?

* * * * *

Der Buddhist fragt nicht: „Warum muß ich jetzt leiden, warum geschieht mir das?“ Seine Frage lautet: „Wozu geschieht mir das? Wie handle ich jetzt in diesem Augenblick?“ Buddha würde ihn zur Meditation anleiten. So könnte der Leidende den Schmerz und die Unfähigkeit zur Selbstannahme überwinden. Buddha hat die Frage nach der letzten Ursache des Leidens abgelehnt. Er fragt sich vielmehr, wie das Leiden funktioniert, welcher Mechanismus uns leiden und leidvolle Erfahrungen ständig neu entwickeln läßt. Es liegt daran, daß wir uns als vereinzelte Individuen sehen, die untereinander in einen Machtkampf verstrickt sind. Wir sollen uns aber als Organe eines Leibes wahrnehmen, die aufeinander bezogen und angewiesen sind; denn aus Gier und Haß entsteht das Leiden.

Wir brauchen manchmal eine lange Zeit, um zu verstehen, wozu in unserem Leben etwas gut war.

Der alte Mann und sein Pferd

In einem Dorf in China lebte vor langer Zeit ein alter Mann. Er war sehr arm. Dennoch waren selbst die mächtigsten und reichsten Leute des Landes neidisch auf ihn. Er besaß nämlich ein wunderschönes, weißes Pferd. Man bot dem armen alten Mann gigantische Summen Geld für das Pferd. Der Mann aber sagte: „Dieses Pferd ist für mich nicht einfach nur ein Pferd, sondern es ist ein Freund für mich. Wie könnte ich meinen Freund verkaufen?“ Obwohl er es wegen seiner Armut manchmal schwer hatte und dieses Geld ihm ein ruhiges und abgesichertes Leben ermöglicht hätte, verkaufte er sein Pferd nie.

Eines Morgens aber war das Pferd verschwunden. Er fand es nicht in seinem Stall und auch die lange Suche in der Gegend blieb erfolglos. Die Leute des Dorfes versammelten sich bei dem Alten und tadelten ihn: „Du dummer alter Mann. Warum hast du bloß das Pferd nicht verkauft? Es war doch klar, daß so ein prächtiges Pferd eines Tages gestohlen wird. Jetzt hast du kein Geld und auch kein Pferd. Welch ein Unglück!“

Doch der Alte blieb ganz ruhig. Er erwiderte: „Glück oder Pech –Wer weiß das schon? Urteilt nicht so schnell. Wer weiß schon, was noch passieren wird.“

Die Leute lachten den alten Mann aus. Jetzt waren sie sicher, daß er ein wenig verrückt sei. Aber fünfzehn Tage später hörte man plötzlich ein brausendes Hufgetrappel in dem kleinen Dorf. Das Pferd war gar nicht gestohlen worden. Es war nur ausgebrochen und hatte sich auf die Suche nach einer Herde begeben. Jetzt kam es gefolgt von 12 wunderschönen weißen Wildpferden daher getrabt und führte die Pferde direkt zum Haus des Alten.

Sogleich kamen die Leute des Dorfes wieder herbeigelaufen. Sie bekundeten kleinlaut: „Du hattest recht! Es war wirklich ein Glück, daß dein Pferd abgehauen ist. Jetzt hast du 12 Pferde!“

„Ihr geht wieder zu weit mit eurem Urteil“, entgegnete der alte Mann gelassen. „Sagt einfach: ,Das Pferd ist zurück.‘ Dies ist nur ein Ereignis in einer endlosen Geschichte. Daraus kann man niemals die ganze Geschichte sehen. Glück oder Pech – wer weiß das schon?“

Dem mochte nun keiner so recht widersprechen. Aber die Leute dachten sich doch, daß der Alte unrecht habe. 12 herrliche Pferde waren nun sein Eigentum! Das konnte doch nur ein Glück sein.

Der einzige Sohn des Mannes war ein kräftiger und feiner Kerl. Er begann nun, die Wildpferde zu trainieren. Natürlich mußten sie sich erstmal an Menschen gewöhnen und noch vieles lernen. Doch sobald er zum ersten Mal versuchte, eines der Pferde zu reiten, stürzte er schrecklich. Der junge Mann brach sich beide Beine.

Wieder rannten sofort die Leute herbei und wieder urteilten sie sofort: „Welch ein Unglück! Du hattest tatsächlich wieder recht. Dein einziger Sohn wird dir jetzt für lange Zeit nicht mehr helfen und deinen Hof bestellen können – du bist ruiniert!“

Der Alte runzelte ein wenig die Stirn, sprach dann aber geduldig: „Wieder urteilt ihr. Das Leben besteht aus vielen, vielen kleinen Ereignissen, das Ganze kann man daraus niemals beurteilen. Mein Sohn hat sich die Beine gebrochen – Glück oder Pech, das wird sich zeigen.“

Tatsächlich nahm die Geschichte wiederum eine Wendung: Es brach plötzlich ein schrecklicher Krieg aus. Alle jungen Männer wurden gezwungen, als Soldaten zu kämpfen. Die Leute jammerten und weinten; denn es war klar, daß der Krieg nicht zu gewinnen war. Die meisten der jungen Männer würden ihr Leben lassen. Nur der Sohn des Alten konnte mit seinen gebrochenen Beinen natürlich nicht in den Krieg ziehen.

Die Leute waren ganz aufgeregt und riefen: „Du hattest tatsächlich wieder recht! Was für ein Glück, daß dein Sohn sich gerade jetzt die Beine gebrochen hat. So kann er zu Hause genesen, während unsere Söhne in diesen schrecklichen und sinnlosen Krieg ziehen müssen.“

Der Alte lächelte milde und erklärte: „Glück oder Pech – Wer weiß das schon? Das Leben ist doch ein ewiger Fluß von Ereignissen. Eine Sache führt immer zu einer anderen. Niemand von euch kann beurteilen, wohin alles führen wird.“

Siehe auch Themenfeld „warum - wozu“.