Gedanken zu Lesefrüchten (17.6.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Unter dem Titel Der göttliche Tanz umkreist Richard Rohr das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes. Diese beschreiben die christlichen Wüstenväter mit dem griechischen Wort περιχώρησις perichoresis, das sich mit tanzen übersetzen läßt. Gott ist kein Tänzer, er ist der Tanz selbst.

Als Vorlage für seine Beschreibung der Dreifaltigkeit dient Richard Rohr die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow.

Richard Rohr:
Ich glaube, dass alle echte Kunst heilig ist. Bewusst „religiöse“ Kunst ist oft zu bemüht und rutscht dann in billige Gefühlsduselei ab. Aber die spezielle Form künstlerischen Ausdrucks, die uns in dem Bild „Die Dreifaltigkeit“ begegnet, die Ikonenmalerei, versucht über sich selbst hinauszuweisen und in den Betrachtern ein Gefühl für das „Darüber hinaus“ und gleichzeitig für die Gemeinschaft hervorzurufen, die in unserer Mitte existiert.
Das Bild des russischen Ikonenmalers Andrei Rubljow aus dem 15. Jahrhundert ist für viele die Ikone schlechthin. Und wie ich Jahre nach der ersten Entdeckung feststellen konnte, ist sie noch einladender als viele andere. Für mich ist sie das vollkommenste religiöse Kunstwerk aller Zeiten. In meinem Zimmer hängt schon seit langer Zeit ein Druck davon. Das Original ist in der TretjakowGalerie in Moskau ausgestellt.
Es heißt, ein Künstler sei nur durch die Betrachtung dieser Ikone zu einem Nachfolger von Jesus geworden. Er soll ausgerufen haben: „Wenn dies das Wesen Gottes ist, dann bin ich ein Glaubender.“ Und ich kann ihn gut verstehen.
In Rubljows Ikone gibt es drei Grundfarben, die die Facetten des Heiligen illustrieren, die alle in den drei Gestalten enthalten sind.
Rubljow wählte Gold für den Vater – es symbolisiert Vollkommenheit, Fülle, Ganzheitlichkeit, die ultimative Quelle.
Blau – die Farbe von Meer und Himmel, die einander spiegeln –, nahm er für den Menschensohn: Gott, der in Jesus Christus die Welt und die Menschlichkeit annimmt. Deshalb sieht Rubljow Jesus blau. Mit seinen ausgestreckten zwei Fingern sagt er uns, dass er Geist und Materie, Göttlichkeit und Menschlichkeit in sich vereint - für uns.
Und dann gibt es das Grün, das den Geist repräsentiert. Hildegard von Bingen, die Benediktineräbtissin, Komponistin, Autorin, Philosophin, Mystikerin und Visionärin, die drei Jahrhunderte vor Rubljow lebte, nannte die endlose Fruchtbarkeit des Geistes „viriditas", die Grünkraft, und meinte damit die göttliche Lebendigkeit, die alles erblühen und in immer neuen Schattierungen ergrünen lässt.
Hildegard war vermutlich inspiriert durch die üppige Vegetation der Umgebung ihres Klosters im Rheinland, das ich schon besucht habe. Rubljow wählte, in ebenso tiefer Ehrerbietung für die Natur, Grün als Farbe der „göttlichen Photosynthese“: die alles von innen her wachsen lässt, indem sie Licht in sich selbst verwandelt. Und genau das tut der Heilige Geist.
Das ist einfach großartig, oder?
Der eine Gott in dreifacher Gestalt isst und trinkt in unendlicher Gastfreundschaft und reiner Freude mit- und aneinander. Wenn wir die Darstellung Gottes in der Ikone „Die Dreifaltigkeit“ ernst nehmen, müssen wir sagen: „Im Anfang war Beziehung.“
Und diese Ikone lässt immer mehr Früchte wachsen, je länger man sie betrachtet. Jeder Teil ist sorgfältig komponiert und offensichtlich aus langer Reflektion entstanden: die Blicke, die zwischen den Dreien hin und her gehen, der tiefe Respekt, mit dem sie aus einer gemeinsamen Schüssel essen. Und achten Sie auf die Hand des Heiligen Geistes, die auf den freien, vierten Platz am Tisch deutet. Es scheint, als würde der Heilige Geist jemanden einladen, einen Platz anbieten und Raum schaffen. Wenn es tatsächlich so ist – für wen? (Seite 22f.)