Gedanken zu Lesefrüchten (18.11.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Zeitpunkt und Raumzeit

Ein Zeitpunkt ist ein schnell vorübergehender Augenblick, so schnell wie das Öffnen und Schließen der Augen.

Der Begriff Raumzeit, eine durch die Relativitätstheorie vorhergesagte Vereinigung von Raum und Zeit in einer einheitlichen vierdimensionalen Struktur, macht deutlich, daß wir uns das Phänomen Zeit und somit auch die Ewigkeit nur schwer vorstellen können.

Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) in seinem Buch „Die Stadt in der Wüste": Und die Riten sind in der Zeit, was das Heim im Raume ist.

Im Grimmschen Märchen „Das Hir­tenbüblein“ antwortet dieses: „In Hinterpom­mern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hun­dert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbe­lein dar­an, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekun­de von der Ewigkeit vorbei.“ Aber irgendwann ist auch dieser Berg abgewetzt. Ganz im Augenblick zu sein, be­deutet Erfah­rung von Ewigkeit.

Es ist schwer, einen Zeitpunkt für den Beginn menschlichen Lebens zu ermitteln; denn Leben ist ein Prozeß. Das gilt bereits für den Anfang der Menschheit.

Weihbischof Ansgar Puff (* 1956) aus Köln formulierte in einer Morgenandacht freimütig: „Adam und Eva hat es nicht gegeben ist“. Die Bibel bringt keinen historischen Bericht, sondern eine Geschichte, wie es gewesen sein könnte.

Was für den Beginn der Menschheit gilt, gilt auch für den Beginn eines einzelnen menschlichen Lebens. In einer pluralistischen Gesellschaft bestehen mehrere Möglichkeiten, den Beginn persönlichen Lebens zu bestimmen. Aber nicht einmal die Verbindung von Samen und Eizelle ist ein Zeitpunkt, sondern ein Prozeß.

Ebensowenig ist der Übergang des Menschen vom irdischen Leben durch den Tod ins Ewige Leben durch einen Zeitpunkt festzulegen. Auch das ist ein Prozeß.

Siehe auch „Seit wann gibt es Menschen auf dieser Erde?“

und

„Menschsein zwischen Anfang und Ende – Von der künstlichen Befruchtung bis zur Organspende“.