Gedanken zu Lesefrüchten (20.1.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Der Mensch: Ebenbild Gottes und Krone der Schöpfung?

Ja, das bilden wir uns ein und möchten es auch sein, aber die ganze Schöpfung ist das Werk Gottes ohne jegliche Bewertung.

Eine indi­sche Lebensweisheit lautet: „Gott schläft im Stein, atmet in den Pflanzen, träumt in den Tieren, erwacht im Menschen und lebt im Religiösen.“

In meinem Buch „Wandle vor mir und sei ganz – Leben als Spannungseinheit“, Kevelaer 1990: 20 habe ich geschrieben:

Wandle vor mir

 

Aber da ist vieles nicht so gelaufen, wie Gott es sich vorgestellt hatte. Ja er empfindet sogar Reue. „Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.“ (Gen 6,6)

Vermutlich ist der Mensch für die Erde das gefährlichste aller Geschöpfe, weil er Gottes gute Schöpfung zerstört.

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CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 2 vom 12. Januar 2020 brachte in dem Artikel „Mein Leben – in Antworten / Seit Jahrtausenden grübeln die Menschen darüber nach: Was ist der Sinn des Lebens? Neben Theologen versuchen Philosophen und Schriftstellerinnen Antworten zu finden – mit und ohne Gott“ unter anderen eine meines Erachtens besonders bemerkenswerte Antwort.

‹Der Schriftsteller David Wagner gibt eine sehr individuelle Antwort. Ihm wurde dank einer Organspende das Leben gerettet. Seitdem sieht er sich „in der Verlängerung“. Eigentlich wäre sein Leben schon vorbei.
Diese „Nachspielzeit“ gelte aber nicht nur für ihn, sondern auch für seine Organspenderin. Ein Teil von ihr lebe in ihm weiter, und daraus zieht er seine Motivation: „Ich höre sie rufen: ,Mach dies! Mach das! Steh endlich auf! Los, an den Schreibtisch, schreib was!’.“ Interessant wäre gewesen zu erfahren, wie Wagner die Sinnfrage vor der Transplantation beantwortet hätte.›

Wer mich kennt, weiß, daß ich im Sterben in Ruhe gelassen werden möchte und deshalb kein Organspender bin. Was das fremde Organ im Empfänger bewirkt, wird äußerst selten angesprochen. Umgekehrt ist mir die Geschichte eines Elternpaares bekannt, das seine kleine Tochter „Herzchen“ nannte. Als sie im Sterben lag, willigten die Eltern in die Herzorganspende ihrer Tochter für ein Kleinkind ein und hatten so die Vorstellung, ihr „Herzchen“ lebe noch.

Ich hatte die erste Lesefrucht schon länger vorbereitet, aber beim Lesen des obigen Artikels, wurde mir erneut bewußt, wie sehr doch der Mensch in Gefahr ist, sich selbst für den Schöpfer zu halten.