Gedanken zu Lesefrüchten (6.7.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

„Es braucht lange, um jung zu werden!“ (Pablo Picasso 1881-1973)

Nach Jesu Worten kommen wir nicht in das Himmelreich, wenn wir nicht werden wie die Kinder (vgl. Mt 18,3). Das bedeutet nicht, kindisch zu werden, was vielen Menschen durchaus nicht schwerfällt. Aber weise wie ein Kind zu werden, bereitet den meisten sehr große Mühe.

Das Problem des Alterns liegt nicht nur darin begründet, daß man sich nicht mehr jung fühlt, sondern auch darin, daß sowohl die körperlichen als auch die geistigen Fähigkeiten nachlassen. Psychologische Arbeit richtet sich auf die stets präsenten kindlichen Wünsche in uns und unser Verlangen, diese abzuwehren.

Möchten Sie nochmals ein Kind sein? Singen Sie traurig das Lied des Zaren aus der Oper „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing (1801-1851)?

„Sonst spielt’ ich mit Zepter, mit Krone und Stern;
Das Schwert schon als Kind, ach, ich schwang es so gern!
Gespielen und Diener bedrohte mein Blick;
Froh kehrt’ ich zum Schoße des Vaters zurück.
Und liebkosend sprach er: Lieb’ Knabe, bist mein!
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Nun schmückt mich die Krone, nun trag’ ich den Stern
Das Volk, meine Russen, beglückt’ ich so gern.
Ich führ’ sie zur Größe, ich führ’ sie zum Licht,
Mein väterlich Streben erkennen sie nicht.
Umhüllet von Purpur nun steh’ ich allein -
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Und endet dies Streben und endet die Pein,
So setzt man dem Kaiser ein Denkmal von Stein.
Ein Denkmal im Herzen erwirbt er sich kaum,
Denn irdische Größe erlischt wie ein Traum.
Doch rufst du, Allgüt’ger: „ln Frieden geh ein!“
So werd’ ich beseligt dein Kind wieder sein.

Wir werden durch ein Kind erlöst, sollen aber auch wieder werden wie ein Kind. Der dreijährige Junge bringt uns seine Herzensanliegen nahe. Er kann zum Beispiel Feuerwehrautos oder Traktoren, bevorzugte Objekte seiner Liebe, überall und jederzeit sehen. Wie arm wäre das Leben ohne Einbildungskraft und ohne Vorstellungsvermögen in bezug auf das, was alles hinter den Dingen stecken kann. Der Kleine Prinz wußte es auch: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Häufig erziehen die Kinder uns und nicht wir sie. Immer wieder bringen sie uns auf ihr Niveau. Zu Weihnachten möchten wir uns gerne auf dieser geheimnisvollen Ebene bewegen, wo das Leben ohne großes Zutun neu beginnt. Das schwebende Christkind, das seine Spuren hinterläßt und nie Gestalt annimmt, und nicht der handfeste Weihnachtsmann ist das Geheimnis von Weihnachten.

Wie oft formulieren Erwachsene: „Ich möchte noch einmal so gläubig sein wie als Kind zu Weihnachten.“ Vielleicht ist das Weihnachtsfest im Kindesalter einer der Höhepunkte des Lebens und der Grund dafür, daß gerade am Weihnachtsfest so viele Menschen die Gottesdienste besuchen.

„Kinder leben zwar mit dir, doch sie gehören dir nicht“, formuliert Kahlil Gibran (1883-1931). Wir müssen sie ihr eigenes Leben leben lassen. „Das Höchste wäre: Leben in ewiger Gegenwart. Doch diese Gnade ward nur Kind und Gott gegeben.“ (Hermann Hesse 1877-1962)

Wenn wir vom „Kind im Manne“ sprechen, ist nicht Unreife gemeint, sondern jene Unbefangenheit, die uns das Leben leider oft austreibt. Es ist eine Lebensaufgabe, im Alter die Jugend mitleben zu lassen. Aber dafür ist es nie zu spät; denn das Kind in uns wartet nur darauf, sich entfalten zu dürfen.

Warum ist Gott Kind geworden? Läßt sich der Erlöser nur als Kind finden, wie es in der Bibel von den Hirten und Weisen geschrieben steht? Johannes spricht vom Wort, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1,14). Das Kind ist noch stumm, es ist selbst das Wort, soll aber all unsere Lebenslagen durchlaufen. Als Kind konnte Gott leichter unser Herz und unsere Liebe gewinnen. Gott beginnt sein Menschsein mit dem Kindsein, und wir sollen unser Menschsein mit dem Kindsein beenden.

Als Kinder lebten wir wie im Paradies, das wir aber bald verlassen mußten. Mit diesem Trennungsprozeß begann die eigentliche Geburt des Individuums. Aber nicht durch Anpassung und in den von anderen gesetzten Grenzen kann sich Entwicklung vollziehen, sondern nur im mutigen Aufbruch. In vielen Märchen ist von der Suche nach dem Schatz die Rede, vom Lösen schwieriger Aufgaben, ehe der Held ein Königreich erwirbt.

Bei Christophorus, der nur dem Größten dienen wollte, verhält es sich anders. Er erfährt durch das Kind, das er über den Fluß trägt, daß es der Größte ist, dem er dienen wollte. Auch der greise Simeon begegnet Gott in einem Kind (vgl. Lk 2,28). Es verlangte viel Mut von den ersten Christen, sich zu einem Erlöser zu bekennen, der nicht nur als Erwachsener auftrat.