Gedanken zu Lesefrüchten (22.7.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Wie beende ich den Wettstreit der Dualität?

Der Streit wird mit dem Kampf zweier Wölfe verglichen. Siehe „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, „Der Wolf im Schafspelz“, „Die Beziehungen zwischen Tier und Mensch, aufgezeigt am Wolf“ und „Die Beziehungen zwischen Tier und Mensch, aufgezeigt am Wolf“.

Wenn wir die Wirklichkeit unseres Lebens betrachten, müssen wir sie als Polarität erkennen und begreifen. Aber wir neigen dazu, aus der Polarität einen Pol herauszunehmen und diesen absolut zu setzen. Dann aber wären wir wie Gott, in dem alle Gegensätze zusammenfallen.

Oder wir machen aus der Polarität einen Dualismus. Dann fürchten wir uns vor dem Dunkel und möchten immer im Licht sein. Je­sus scheint uns zu sagen: „Das gelingt, wenn du mir nachfolgst.“ Sonst wird aus der Polarität „Licht und Dunkel“ der Dualismus von „Licht als Gutem und Finster­nis als Bösem“. Wir sind dann versucht, dem Bösen einen Namen zu geben und es nach dem Herrn der Finsternis „Teufel“ zu nennen, und wir geben dem Bösen einen Ort, den wir als „Hölle“ bezeichnen.

Ich selbst habe es aufgegeben, mir den Himmel konkret vorzustellen. Für mich ist eine wichtige Erfahrung dieses Erdenlebens die Polarität, die manchmal schwer auszuhalten ist. Wir sind geneigt, nur einen Pol zu akzeptieren. Leben ist Spannung. Himmel ist für mich Entspannung, „Coincidentia oppositorum – Zusammenfall der Gegensätze“, wie Nikolaus von Kues (1401-1464) es formuliert hat. Wir sollen „pontifex oppositorum – Brückenbauer“ sein. Das bedeutet, nie das Ganze zu sein und das Andere gelten zu lassen. Das führt zu Toleranz und kann ein wenig Himmel auf Erden erleben lassen.

Weder der einzelne noch eine Gemeinschaft werden vor dem Sterben mit der Polarität des Lebens fertig. Es geht vielmehr um ein Ausharren und Bestehen in allem Vorläufigen und Ungereimten. Die Polspannung des Lebens aushalten entspricht dem Kreuztragen, das täglich erfolgen muß.

Wenn wir uns konsequent für Jesus entscheiden, dann ha­ben wir die Kraft, die Polarität des Lebens zu ertragen und müssen nicht polarisieren und dadurch einen Dualis­mus herbeiführen.

Der Buddhismus spricht nicht vom Himmel, sondern vom Nirwana. Das ist eher ein Bewußtseinszustand. Da es jenseits jeglicher Dualität und Polarität steht, ist es ewige Erfüllung.

Yoga (von yuj, in der Bedeutung „sich verbinden, sich verheiraten“, lat.: iungere) ist eine Praxis, mittels derer der Mensch lernt, die beiden Pole in sich zu verbinden und so die Dualität zu überwinden. Die Mystiker bezeichnen dies als „unio mystica – heilige Hochzeit“.

Die Polarität bleibt nicht bei der Zwei stehen, sie ent­wickelt sich zur Drei, die Dyade wird zur Triade. Alles hat zwar zwei Seiten, aber erst, wenn man erkennt, daß es in Wirklich­keit drei sind, erfaßt man eine Sache in ihrem Wesen. Die Wirk­­lich­keit begegnet uns dreidimensional. Als Bild kann eine Zange die­nen. Sie besteht aus zwei entgegengesetzten Grei­fern, aber erst durch einen Dritten, der sie benutzt, leistet sie ihre Dienste.

Man könnte die eingangs erwähnte Geschichte der in uns kämpfenden Wölfe noch weiterschreiben und den ewigen Wettstreit der Dualität endgültig beenden, indem man beide akzeptiert und annimmt, indem man beide Seiten zu dem EINEN versöhnt und damit den Zwiespalt auflöst. Um in der Geschichte zu bleiben, könnte man beide Wölfe miteinander paaren und sich gemeinsam liebend um ihre Welpen kümmern lassen.