Gedanken zu Lesefrüchten (24.12.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Jesus aus Galiläa

Helmut Hoping schrieb in der F.A.Z. vom 28. November 2020, Nr. 278, unter dem Titel „Ein Gottessohn, der nicht Mann sein soll – Der Knabe in der Krippe gerät in die Mühlen der Genderdebatte: Wie lässt sich Weihnachten geschlechtergerecht feiern?“ einen Artikel, in dem er auch Bezug auf sein Buch nahm.

 

Helmut Hoping
Jesus aus Galiläa. Messias und Gottes Sohn
Verlag Herder 2020

Siehe Hinweis zum Verlag und Link zum Artikel.

 

 

 

 

„Christus war zunächst Mensch“

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die F.A.Z. vom 18. Dezember 2020 Nr. 295 in Auszügen einen Leserbrief von Prof. Dr. theol. Anselm Schubert (* 1969) von der Universität Erlangen-Nürnberg zu obigem Artikel von Helmut Hoping. Prof. Dr. Schubert vertritt die allgemeine Meinung, daß Jesus vor allem Mensch war und das als Mann. Ich persönlich glaube, daß Jesus zu seiner Zeit als Frau nicht hätte wirken können. Ich bejahe die Frage von Prof. Dr. Schubert: „Oder sind die zwei Geschlechter nur Endpunkte eines Kontinuums mit menschlichen Zwischenstufen?“ Als Priester und Spiritual habe ich vor allem durch meine geistliche Begleitung von Menschen erkannt, daß wir alle weibliche und männliche Anteile in uns haben. Das gilt auch für Jesus.

Ungekürzte Fassung des Leserbriefes von Prof. Dr. Anselm Schubert

FAZ

Die Dominanz männlicher Gottesbilder in der Bibel läßt sich nicht leugnen. Sie sind der Zeit geschuldet. Die biblischen Gottesbilder tragen aber auch weiblich-mütterliche Züge. Da erscheint Gott zum Beispiel wie eine gebärende Frau (Ijob 38,29); wie eine stillende, sorgende und tröstende Mutter (Jes 49,15; auch Num 11,11-13; Jes 46,3-4; Jes 66,13; Hos 11,1-4; 1 Petr 2,2-3). Bei den Evangelisten Matthäus (Mt 23,37) und Lukas (13,34) vergleicht sich Jesus mit einer Henne, die ihre Küken unter ihre Flügel nimmt.

Prof. Dr. Schubert formuliert: „Wenn man wie [die Theologinnen] Johanna Rahner und Dorothea Sattler den metaphysischen Begriff einer ‚menschlichen Natur’ reanimiert, um Geschlechtlichkeit sekundär erscheinen zu lassen, muss man sich klarmachen, dass er sich bislang eher dafür eignete, das weibliche Geschlecht als sekundär erscheinen zu lassen.“

Für mich ist Jesus der Mensch, der wie Gott selbst  die Gegensätze in sich vereinigt hat und auf Grund dessen eine solche Strahlkraft und Wirkung hatte, daß er sich seine Gegner, die einen Gegensatz in ihrem Innern verteufelten, zu Feinden gemacht hat, die ihn schließlich kreuzigten. Gott ist für mich in Jesus Mensch geworden, um mir zu zeigen, wie ich mit meinen Gegensätzen in mir umgehen soll. So vollkommen wie Jesus kann kein Mensch sein. Aber ich lebe von der Hoffnung: „Geh so weit du kannst, den Rest kommt dir Gott entgegen!“ So kann ich auch in der Zeit von Corona sehr gut Weihnachten feiern.