Gedanken zu Lesefrüchten (24.6.2019)

Die Unschuld und Weisheit eines Kindes

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Meine Nichte Ricarda Maas berichtete mir:
Es entstand in einer alltäglichen Situation. Ich brachte einen fünfjährigen Jungen zu seiner wöchentlichen psychotherapeutischen Therapiesitzung. Während ich mit ihm über den Bürgersteig ging, beobachteten wir zum Zeitvertreib unsere Schatten. Er war fasziniert davon, wie groß sein Schatten war und wie sehr sich unsere beiden Schatten veränderten, wenn wir uns dementsprechend bewegten. Es wurde viel gelacht! Auf einmal blieb er stehen und sagte: „Ich möchte auch einmal so groß wie mein Schatten sein!“

Das Kind ahnt, daß es beim Älterwerden einen großen Schatten haben wird und hat keine Angst davor. Viele Menschen möchten ihren Schatten loswerden. Er kann aber auch ein Segen sein, und zwar nicht nur um sich vor zu greller Sonne oder zu gleißendem Licht, das man zum Beispiel auch in der Folter verwendet, zu schützen, sondern auch um sich in der Auseinandersetzung mit ihm zu einem reifen Menschen zu entwickeln. Wir dürfen unserem Schatten nicht davonlaufen. Es geht nicht nur um das Böse, das wir tun. Es geht auch um zweifelhafte Motive, von denen unser Tun durchsetzt und überschattet ist. Seinem Schatten zu begegnen, ist bitter und schmerzlich, aber niemand kann ihm entrinnen, es sei denn um den Preis einer verheerenden Lebenslüge. Es ist die Lebensaufgabe eines jeden Menschen, seinen Schatten anzunehmen und sich der Wahrheit zu stellen, daß auch die dunklen Seiten zu ihm gehören.

Unser irdisches Leben ist nicht ohne Schatten. Adalbert von Chamisso (1781-1838) erzählt Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Sie verdeutlicht, wie es jemandem ergeht, der seinen Schatten dem Teufel überläßt. Er wird ein gesellschaftlicher Außenseiter; „denn ordentliche Menschen pflegen ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gehen“. Indem Schlemihl seinen Schatten preisgibt, verliert er, was ihn mit den Menschen und auch mit ihm selbst verbindet, sein „Selbst-Objekt“.