Gedanken zu Lesefrüchten (29.7.2019)

Ich bin unsicher, also bin ich

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Ist uns bewußt, wieviel Unsicherheit wir über-gehen? Gehen ist ein unglaublich fragiler, herausfordernder Prozeß. Um vorwärts zu kommen, muß ich meinen sicheren Stand aufgeben und mich in die Unsicherheit des Anhebens eines meiner Beine begeben. Indem ich mein Bein vom Boden abhebe, verliere ich mein vormals gefundenes Gleichgewicht und muß es neu finden. Das geschieht mit jedem Schritt aufs Neue.

Daraus wächst die Erkenntnis, daß Neues nur in dieser Fragilität geboren wird. Die Unsicherheit gibt mir die Gewißheit, mich auf dem richtigen Weg zum Menschsein zu befinden. Ein Roboter muß den ihm einprogrammierten Befehlen Folge leisten. Als Mensch dagegen bin ich freigestellt. Ich kann tun und lassen, was und wie ich will, und gebe dafür Schutz und Sicherheit gleichsam als Opfergabe dar. Es ist diese Freiheit, in der ich mich lebendig fühle.

Wer Angst davor hat, muß stehenbleiben. Wer es sich bewußt machen will, sollte ein Kind beobachten, das Gehen lernt. Es geht nicht ohne Hinfallen und Aufstehen. Im Alter hilft ein Rollator.

Es wird immer deutlicher, daß Unsicherheit eine Gabe, ein Geschenk ist, das uns Menschen, und nur uns, in dieser Form gegeben ist. Mit ihr können wir ein ganzes Leben behaupten.

Ödipus-Mythos

Das Rätsel, das die Sphinx den Menschen stellte, und das erst Ödipus zu lösen vermochte, lautete: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“

Ödipus’ richtige Antwort lautete:
„Du meinst den Menschen, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht. Ist er stark geworden, geht er am Mittag seines Lebens auf zwei Füßen, am Lebensabend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.“

Damit entging Ödipus als Einziger dem Ungeheuer, welches sich daraufhin aus Scham und Verzweiflung in den Tod stürzte. Für die Befreiung Thebens von der Sphinx bekam Ödipus Iokaste, die Witwe des Königs Laios, zur Gemahlin und herrschte mit ihr über Theben, ohne zu wissen, daß sie seine eigene Mutter und der tote König sein von ihm selbst vor Jahren im Streit getöteter Vater war. Ödipus löste zwar das ihm von der Sphinx aufgegebene Rätsel, das Geheimnis um seine eigene Existenz blieb ihm jedoch verborgen.

Zusammenfassung des Ödipus-Mythos nach Sophokles