Gedanken zu Lesefrüchten (27.7.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

„Das unverschämte Ich“ und „Der notwendige Andere“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Josef Früchtl, Das unverschämte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004. ISBN 3-518-29293-5

Andreas Tapken, Der notwendige Andere. Eine interdisziplinäre Studie im Dialog mit Heinz Kohut und Edith Stein, Mainz (Grunewald) 2003. ISBN 3-7867-2429-6

„Das unverschämte Ich “ (Klappentext)
Über die Moderne nachdenken heißt über das Ich nachdenken, über das Ich nachdenken heißt, seine Geschichte zu rekonstruieren. Sie verläuft, so die Generalthese des Buches, auf drei sich überlagernden Ebenen und macht das Ich zum hochambivalenten, männlich geprägten Helden der Moderne. Dies nachzuweisen ist allerdings nicht nur ein philosophisches, sondern auch ein kulturhistorisches Unternehmen. Für letzteres bietet sich hier der Bereich des Films an. Der Bogen der Betrachtung spannt sich philosophisch zunächst von der klassischen, sich selbst begründenden Moderne über die romantische, agonale Moderne bis zur hybriden Moderne. Kulturell gespiegelt finden sich diese drei Traditionsstränge in den Filmgenres des Western, des Verbrecherfilms und des Science-fiction-Films. Die Moderne erweist sich so als Kampf des (männlichen) Ich mit und gegen sich selbst, und der Diskurs der Moderne erhält eine essentiell romantische Dimension.

„Der notwendige Andere“ (Klappentext)
Was der Mensch eigentlich ist und was er sein soll, bestimmt sich in unserer heutigen Gesellschaft immer noch in erster Linie vom Grad der Ichwerdung und Selbstverwirklichung her. Individualität wird fast ausschließlich als Abgrenzung und Loslösung vom Anderen verstanden. Gegen diese einseitige Sicht des Menschen stellt Andreas Tapken als Korrektiv die These, dass Selbstsein und Bezogensein auf den Anderen gleichursprüngliche und gleichwertige Fundamente des Menschseins darstellen. Diesen Ansatz arbeitet er in psychologischer, phänomenologisch-philosophischer und theologischer Perspektive heraus, wobei ihm als bevorzugte Gesprächspartner Heinz Kohut und Edith Stein dienen. Am Schluss steht der Entwurf eines integrativen Ansatzes, der die dialogisch-relative Struktur des Menschen ernst nimmt und ihn so auch offen hält für den Bezug zu Gott, dem Ganz-Anderen.

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Wir kennen eine Einheitserfahrung aus unserem Leben im Mutterleib, aber auch die anschließende Trennung. Diese ist die Grundlage unserer Sehnsucht nach Einheit, die höchste Stufe in der Mystik, die unio mystica, die Vereinigung von Gott und Mensch.

Diese Erfahrung bezieht sich auch auf die gesamte Schöpfung; denn Schöpfung bedeutet Trennung und damit Entzweiung. Das wird schon am Anfang der Bibel deutlich. Die ersten beiden Worte beginnen mit dem Buchstaben B (Bet), dem 2. Buchstaben im Alphabet:
Genesis 1,1 lautet auf hebräisch: בְּרֵאשִׁית בָּרָא אֱלֹהִים אֵת הַשָּׁמַיִם וְאֵת הָאָרֶץ – bereschit bara elohim et haschamaijim weet haarez – Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Schöpfung erfahren wir als verlorene Einheit und Ganzheit, und unsere Sehnsucht richtet sich darauf, diese wiederzuerlangen. Die Entzweiung geht bis zur „Spaltung“ des Menschen in Mann und Frau, die Platon (* 428/427; † 348/347 v.Chr.G.) in seinem Werk „Das Gastmahl“ (griech. Συμπόσιον Sympósion) beschreibt.

Da wir uns nicht als Einheit und Ganzheit erfahren, suchen wir den Anderen. Manche vermuten ihn sogar im All. Die Außerirdischen werden als Aliens (lat. alienus – Fremder) bezeichnet. Ein Alien ist also ein Anderer (lat. alius – Anderer).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wildbeuter erlebten die Welt noch fast ohne Menschen. Oswald Spengler (1880-1936) schrieb 1917 in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“: „Die zweifellos wieder sehr plötzliche Zunahme der Zahl welche den „Mitmenschen" zu einem beständigen, alltäglichen Erlebnis machte, den Eindruck des Staunens durch die Gefühle der Freude oder Feindschaft ersetzte und damit von selbst eine ganz neue Welt von Erfahrungen und von unwillkürlichen und unvermeidlichen Beziehungen heraufrief, ist für die Geschichte der Menschenseele vielleicht das tiefste und folgenreichste Ereignis gewesen.“

Der römische Dichter Plautus (um 254–184 v.Chr.G) formulierte: „Homo homini lupus est – Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Auch Thomas Hobbes (1588-1679) beschrieb sein Menschenbild mit denselben Worten, der KZ-Priester Jean Kammerer (1918-2013) ergänzte diese Sentenz mit dem Satz „sacerdos sacerdoti lupissimus – Der Priester ist für den Priester der schlimmste Wolf“; denn bei aller Solidarität haben die Priester im KZ Dachau auch anderes erfahren. Wir alle werden in unserem Innern auch beherrscht vom Neid auf den anderen.

Die Farben des Neides sind gelb und grün. Und dafür gibt es, so Rolf Haubl (* 1951), sogar eine medizinische Erklärung: „Ein Bluterguß wird gelb und grün, bevor er sich langsam auflöst. Der gelbe und grüne Farbstoff sind Abbauprodukte des roten, lebendigen Blutes. Der Neid ist deswegen gelb und grün, weil er das lebendige Blut vergiftet und es dadurch zum Abbau, zum Zerfall bringt.“

Nach der Eins und der Zwei kommt die Drei. Wenn man die Zahlen nicht nur als Ziffern nimmt, sondern als Persönlichkeiten und Charaktere, dann steht die Eins für Gott. Die Zwei ist dann die Trennung, die Entzweiung von der Einheit, und die Drei ist ein Symbol für die Vielheit, die sich wieder zur Einheit schließt. Deswegen steht die Drei der Eins näher als die Zwei. Die Zwei ist das eine und das andere, das Gegenüberstehende. Die Drei ist die Wiederherstellung der Einheit.

Theologisch mußte es im Monotheismus zur Dreifaltigkeit kommen. Wenn sich Gott „trennt“ in seinem Sohn, dann muß wieder eine Einheit entstehen, und das geschieht durch den Heiligen Geist, das Band der Liebe. Ist die Zeit des Heiligen Geistes schon angebrochen?

„Es kommt darauf an, daß einer es wagt, ganz er selbst, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein, allein vor Gott, allein in dieser ungeheuren Anstrengung und mit dieser ungeheuren Verantwortung“, schreibt Søren Kierkegaard (1813-1855) in seinem Buch „Entweder – Oder“ (1843) und stellt so die Existenz des einzelnen Menschen ins Zentrum seines Denkens. Mit diesem Grundverständnis übt er eine große Wirkung auf die Theologie und die Philosophie aus.

Ebenso wichtig ist es jedoch, daß der Mensch sich als Einzelner auch als Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft, fühlt, in der er seine eigene bedeutende Aufgabe erfüllt.

In der Einleitung zu seinem Buch „Das unverschämte Ich“ schreibt Josef Früchtl (* 1954) auf Seite 10:

„Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Dieser Satz aus Theodor W. Adornos (1903-1969) „Minima Moralia“ formuliert den philosophischen Anstoß zu diesem Buch. Etwas Anstößiges hat er im mehrfachen Sinn. Er hätte es zweifellos verdient, in ein Wörterbuch des Zynismus aufgenommen zu werden. Spontane Zustimmung zieht er ebenso auf sich wie eine prompt folgende Ablehnung, ein Schwanken zwischen diebischer Freude und intellektueller Erhabenheit auf der einen, Ärger über diese Einbildung und Selbstherrlichkeit auf der anderen Seite. Die affektive Zustimmung kann sich auf eine bedrückende, scheinbar unumstößliche Evidenz stützen, sofern viele, vielleicht sogar die meisten Menschen, wenn sie „Ich“ sagen, damit zum Ausdruck bringen, sie seien Individuen, unverwechselbare einzelne, diese Unverwechselbarkeit aber in dem, was sie sagen, gerade nicht zum Ausdruck bringen. In der Regel sprechen sie vielmehr so wie fast alle anderen auch. Und dennoch erscheint es als ebenso unverschämt, wenn ein einzelner, ein Ich, andere unverschämt nennt, die in aller Unbedarftheit „Ich“ sagen.
Inzwischen haben wir ganz offensichtlich andere Zeiten. Spätestens seit den 1990er Jahren hat der Akzent in Sachen Unverschämtheit sich verlagert. Das Ich plustert sich mächtig auf, nimmt sich unendlich wichtig, präsentiert sich, schamlos bis zur Obszönität (der moralischen mehr als der sexuellen), redet von sich ohne Unterlaß, als wäre das Dasein eine endlose Folge von Talk-Shows, und stellt sich generös zur Schau, als wäre der Körper ein wandelndes Werbeplakat, aus dem die immer gleiche Botschaft tönt: „I am the greatest“ und „Ich bin die Schönste“. Schlichter ist das Thema formuliert „Der Einzelne und die Gemeinschaft“.

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Es gibt keine vollkommene Gesellschaft, wohl aber die Suche nach einer besseren. Es geht um die Zügelung staatlicher Macht und um die Entfesselung gesellschaftlicher Kräfte. Das Recht der Gesellschaft ist ein Mittel, das die freie Initiative der Individuen schützt und koordiniert.
Das Ideal einer solchen Gemeinschaft zeigt die Darstellung „Aussendung des Heiligen Geistes“ am sogenannten Osnabrücker Altar (um 1370-1380). Die Apostel sitzen mit Maria um einen runden Tisch, wo es kein oben und kein unten gibt und alle sind bezogen auf eine gemeinsame Mitte, die Eucharistie.

Ebenso war es auch in der Gralsgemeinschaft. Jeder Ritter war unverwechselbar ein Original, aber alle waren bezogen auf den einen Gral.

Das Ideal ist nur zu erreichen, wenn es bei der Verschiedenheit der Einzelnen etwas Gemeinsames Drittes gibt, das sie verbindet.

„Ein Schiff erschaffen heißt nicht, die Segel hissen, Nägel schmieden, die Sterne lesen, sondern die Freude am Meer wachrufen. Wenn ein jeder den Drang zur Seefahrt verspürt, ... So wirst du bald sehen, wie die Menschen sich verschiedene Tätigkeiten suchen ... Der eine wird Segel weben, ein anderer wird Nägel schmieden, es wird Männer geben, die die Sterne beobachten, um das Steuern zu erlernen. Und doch werden sie alle eine Einheit bilden.“ (Antoine de Saint-Exupéry 1900-1944)