Gedanken zu Lesefrüchten (13.7.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Lieber älter als alt

Altwerden ist eine Kunst. Es ist nichts für Feiglinge. Wer zufrieden und glücklich lebt, kann sich leichter vorstellen, sehr alt zu werden. Altern gelingt nur, wenn wir eine positive Einstellung dazu haben. Jeder ist seines Alterns Schmied. Es gilt, die Langsamkeit zu entdecken und zu akzeptieren. Man muß bereit sein, sein Leben auch mit vielfältigen gesundheitlichen Einbußen zu gestalten. Der alte Mensch sollte aus seiner Lebenserfahrung lernen und so zu mehr Gelassenheit gelangen. Statt „Hauptsache gesund“ sollte das Lebensmotto lauten „Hauptsache Gelassenheit“.

Ich bin jetzt 84 Jahre alt, und ein Teil von mir fühlt sich auch genauso alt. Aber der wichtigere Teil ist in den Tiefen meiner Persönlichkeit verankert. Nicht das Alter zählt, sondern wahres Leben und Erfahrung sind für mich die wesentlichen Elemente unseres irdischen Daseins. Wenn die körperliche Kraft nachläßt, können die eigenen Erfahrungen hilfreich sein. Um weiterhin fit zu bleiben, behalte ich gerade im Alter meinen bisherigen Lebensstil bei, indem ich mich abwechslungsreich ernähre, nicht rauche und nur selten Alkohol trinke. Zum Glücklichsein gehört auch eine gewisse Disziplin. Wenn ich nicht zufrieden bin, hinterfrage ich, was da passiert sein könnte. Besonders erfüllen mich meine spirituellen Sehnsüchte, vor allem die Sehnsucht, eins zu sein mit allem, was ich nicht bin.

Wer sich in jungen Jahren nicht vorstellen kann, sehr alt zu werden, lebt nicht glücklich. „Auf eine menschenwürdige Art alt zu werden und jeweils die unserem Alter zukommende Haltung oder Weisheit zu haben, ist eine schwere Kunst.“ (Hermann Hesse 1877-1962)

Heute spricht man nicht mehr von einem „Greis“, abgeleitet von „grizzly bear (engl.) = Graubär“, sondern von „betagten“ oder „älteren“ Menschen, beziehungsweise Senioren“ (lat. senior = älter). Früher konnte der Großvater seinem Enkel vieles beibringen. Auf Grund des rasanten technischen Fortschrittes verhält es sich heute eher umgekehrt. So helfen die Enkel ihren Großeltern, zum Beispiel ein Smartphone zu bedienen, nachdem diese sich auf deren Drängen endlich eines zugelegt haben.

Der alte Mensch sollte das Maß finden, für eine Sache zu brennen, ohne sich verheizen zu lassen.

Zum Alter gehört auch das Aufräumen. Kann das Ausräumen, Wegräumen und Ordnen eine neue Heimat hervorbringen? Behalten ist manchmal ebenso wichtig wie Loslassen. Nach dem Krieg war Mangel an allem. Ich hebe heute noch jeden Nagel auf und jede Schraube. Als Maurerlehrling habe ich die Nägel aus den Brettern gezogen und die Steine aus dem Schutt geholt und sauber geklopft. Der Drang etwas aufzuheben ist immer noch da. Inzwischen haben sich die Räume gefüllt, was nicht auf ein Messie-Dasein verweist. Es ist eben alles in Hülle und Fülle vorhanden. Loslassen heißt immer auch auswählen. Jeder muß auf seine ihm eigene Weise aufräumen, ausräumen und ordnen. Hilfreich ist das Drei-Kisten-System: Kiste A für das sofort Wegzuwerfende, Kiste B für das zu Behaltende und Kiste C für das noch Unklare, sozusagen zur Wiedervorlage.

Im Sterben erleben wir, was wir nicht beschreiben können. Wir Christen erwarten, Gott von Angesicht zu Angesicht schauen (vgl. 1 Kor 13,12); die Buddhisten stellen sich vor, wie ein Salzmännchen im Wasser aufzugehen. Ich möchte beides zusammen sehen: Ganz in Gott aufgehen und gleichzeitig ganz bei mir sein.

Mir fehlt aber die Vorstellung, wie beides zusammenfallen kann, weil ich mir weder den Himmel noch das Nirwana vergegenwärtigen kann. Unser Vorstellungsvermögen orientiert sich an Raum und Zeit, die aber beide in der Ewigkeit nicht mehr existieren.