Gedanken zu Lesefrüchten (3.6.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Gebet in einem weltlichen Leben

Madeleine Delbrêl (* 24. Oktober 1904 in Mussidan/F; † 13. Oktober 1964 in Ivry-sur-Seine/F) schrieb ein Buch mit obigem Titel.

Einen Theologen fragte man nach seinem Lieblingsgebet, und er antwortete:
„Es gibt für mich kein bestimmtes Lieblingsgebet, sondern mir ist die Art zu beten, wie sie die Schriftstellerin Madeleine Delbrêl in ihrem ‚Gebet in einem weltlichen Leben’ darstellt, sehr sympathisch.“

Paulus ermahnt seine Adressaten in Thessalonich: „Betet ohne Unterlaß!“ (1 Thess 5,17) Den Menschen in Kolossä schreibt er: „Lasset nicht nach im Beten!” (Kol 4,2) Das bedeutet nicht, daß sie den ganzen Tag in einer Kopf-geneigten, Augen-geschlossenen und Hände-gefalteten Position sitzen sollen; denn für Christen sollte das Gebet wie Atmen sein. Die Atmosphäre übt Druck auf unsere Lungen aus und zwingt uns gleichsam zum Atmen, ohne daß wir uns darauf konzentrieren müssen. Die Luft anzuhalten wäre viel anstrengender. Durch unsere Geburt in die Familie Gottes befinden wir uns in einer geistlich geistigen Atmosphäre, in der Gott durch seine Gegenwart und Gnade auf uns einwirkt und damit Einfluß auf unser Leben nimmt.

Die Mystiker, zu denen Madeleine Delbrêl gehört, üben ein kurzes Gebet, daß ihnen dauernd präsent ist. Madeleine Delbrêl gilt als „Mystikerin der Straße“, „Pionierin des Glaubens“ in einer säkularen Welt, „christliche Sozialrevolutionärin“ und „Dichterin Gottes“, um nur einige ihrer Etikettierungen zu nennen.

Ihre Erfahrung, mit dem Geheimnis Gottes in Berührung gekommen zu sein, nennt sie eine „gewaltsame Bekehrung“, als sei sie vom Dunkel ins Licht gerissen worden. Sie überlegte zunächst, ins Kloster zu gehen, ließ sich dann aber zur Sozialarbeiterin ausbilden und engagierte sich leidenschaftlich für sozial benachteiligte Menschen.

Das tägliche Einüben des Jesusgebetes „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ strukturiert den Tag. Mit der Zeit wird es zum ständigen Begleiter. Es lehrt uns, aufmerksam und wach in der Gegenwart zu leben. Wir lassen uns nicht mehr von ablenkenden Gedanken bestimmen, sondern gelangen zu größerer innerer Klarheit und Ausgeglichenheit. Mehr und mehr werden wir von einem geistlichen Gebet zu einem wirklichen Herzensgebet geführt.