Gedanken zu Lesefrüchten (3.12.2018)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Das Leuchten des Lichtes

Neben den Lesefrüchten gibt es auch Gesprächsfrüchte. Eine solche Frucht fiel vom Baum der Erkenntnis (vgl. Gen 2,9), als ich mit einer Frau über die Gegensätze im Leben eines jeden einzelnen Menschen sprach. Wir müssen die in uns befindlichen Gegensätze vereinen; denn wenn wir sie abspalten, verselbständigen sie sich und wirken gefährlich.

Wir bringen die Lampen in unserer Wohnung nur zum Leuchten, wenn wir die Birne mit den beiden Polen positiv und negativ mit der Stromleitung verbinden. Nach den Erkenntnissen der Polarität kann das Licht bei einem abgespaltenen Pol nicht leuchten. Jesus aber möchte, daß wir unser Licht leuchten lassen (vgl. Mt 5,16).

Siehe auch „Gedanken zu Lesefrüchten: Coincidentia oppositorum – Zusammenfall der Gegensätze“.

Wenn Körper und Geist in Harmonie schwingen, entsteht eine Ausstrahlung, die sich wahrnehmen läßt.

„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.“ (Konfuzius 551-479 v.Chr.G.)

„Capri-Batterie“ von Joseph Beuys (1921-1986) 1985
In diesem Werk hat der Künstler Alltagsgegenstände in einer besonderen Weise inszeniert und sie damit ihrer Eindeutigkeit beraubt.

Es besteht aus einer Glühlampe mit gelbem, opakem Glaskörper in einer einfachen schwarzen Lampenfassung, die am Sockel einen Stecker hat. Dieser steckt in einer Zitrone. Die Anordnung suggeriert, die vom Pflanzenorganismus umgewandelte Sonnenenergie fließe als elektrischer Strom durch die Glühlampe und bringe sie kontinuierlich zum Leuchten.

(Beuys-Zitrone ist wieder da)

Was bringt mich kontinuierlich zum Leuchten?

* * * * *

Ergänzung aus der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART (Nr. 18/2021, Freiburg i. Br., www.christ-in-der-gegenwart.de).

Peter B. Steiner
Dr. phil., Professor für Kunstgeschichte und Publizist, Freising.
Quelle: CHRIST IN DER GEGENWART 2021, Heft 18, S. 10
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © Verlag Herder, Freiburg.
https://www.herder.de/cig/

Joseph Beuys (1921-1986)

Beuys – Bildhauer, Aktivist,  Schamane, Prophet

Joseph Beuys wäre am 21. Mai hundert Jahre alt geworden. Er war ein vielseitiger Künstler, der den Begriff von Kunst schier unendlich erweitert hat – so sehr, dass ihm viele nicht folgen konnten und die Welt auf ihn aufmerksam wurde. Sich bemerkbar zu machen, das hatte er mit Medienstars und Propheten gemeinsam. Da er immer wieder mit Tieren arbeitete, wurde er auch Schamane genannt.

Damals sprach der Herr…Löse dein Bußgewand ab und ziehe deine Schuhe aus. Jesaja tat es und ging nackt und barfuß umher…drei Jahre lang als ein bedeutungsvolles Vorzeichen wider Ägypten und Kusch“ (Jes 20,2). Zu Jeremia wiederum sagte der Herr: „Kaufe dir einen irdenen Krug und nimm dir einige Älteste aus dem Volk und von den Priestern…Zerschmettere den Krug vor den Augen der Männer und sprich zu ihnen: So spricht der Herr der Heerscharen: Ebenso zerschmettere ich dieses Volk und diese Stadt“ (Jer 19,1.10f.). Solche Zeichenhandlungen haben unsere Vorstellung von Propheten und die Bilder, die wir uns von ihnen machen, deutlich weniger geprägt als ihre Schriften. Weder in der Buchmalerei des Mittelalters noch an den Kathedralen erscheinen sie nackt oder als Zertrümmerer. Dennoch waren sie eben nicht einfach nur die würdigen langbärtigen Alten mit Büchern, wie sie gezeigt werden – sondern durchaus Männer der Tat.

Inwieweit die Aktionen von Joseph Beuys (21. Mai 1921–23. Januar 1986) prophetisches Handeln waren, ist eine Frage der Auslegung. Dafür gibt es mindestens vier Möglichkeiten: eine anthroposophische, eine katholische, eine ökonomische und eine psychoanalytische. Ein Künstler, der Professor an einer Kunstakademie wird, wie Beuys 1961 in Düsseldorf, hat damit ökonomisch ausgesorgt. Aber ihm genügte das nicht. Er wollte mehr sein als ein Funktionär im Kunstbetrieb. Die Brüder Hans und Franz van der Grinten, auf deren Landgut Beuys 1952 lebte und die als Erste seine Werke sammelten, sahen in ihm den religiösen Sucher, geprägt vom niederrheinischen Katholizismus. Nach dem Urteil des Kunstkritikers Hans Platschek bediente Beuys den kapitalistischen Kunstmarkt mit einem metaphysisch aufgeladenen Angebot. Seine Anleihen aus der Anthroposophie, aus völkischer Esoterik und Okkultismus brachten ihm bei den Autoren Antony Thwaites und Hans Peter Riegel den Verdacht nationalsozialistisch-rassistischen Gedankenguts ein. Der Schweizer Schriftsteller Sandro Bocola hat Beuys’ Aktionen als Verdrängung seines jugendlichen Engagements in der Hitler-Jugend und der Luftwaffe bis 1945 gedeutet… Bahnen wir uns selbst einen Weg durch den Dschungel der Urteile und Vorurteile!

Capri-Batterie

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen…,/Dorthin, dorthin/Möchte ich mit dir, du mein Geliebter, ziehen.“ Das Lied der Mignon aus Goethes Romanfolge Wilhelm Meister hat die Sehnsucht der Deutschen nach Italien in eine klassische Sprache gefasst. Joseph Beuys spielte mit ihr ein geistreiches Spiel, ausgehend von der in den 1980er Jahren üblichen Redeweise, man müsse sich im Urlaub neu aufladen (früher: erholen). Für ihn, der sich im September 1985 nach einer Lungenentzündung auf Capri neu aufzuladen versuchte, lagen Zitrone und Steckkontakt griffbereit. Er steckte sie in der „Villa Quattro Venti“ des Galeristen Lucio Amelio zusammen. Nach diesem Prototyp der „Capri Batterie“ ließ Amelio 200 vom Künstler autorisierte Exemplare als Multiple (also: in Serie) herstellen. Diese Auflagenobjekte sind die Nachfolger der Holzschnitte und Kupferstiche, mit denen Künstler seit dem 15. Jahrhundert ihre Gebilde veröffentlichen, verteilen, verkaufen. „Wenn ihr alle meine Multiples habt, dann habt ihr mich ganz“, sagte Joseph Beuys einmal. Die Zitrone, vom Erwerber einmal pro Woche zu wechseln, tritt als Energiequelle auf, erinnert daran, dass alle Formen von Energie aus der Natur, dem Boden, den Pflanzen, der Sonne bezogen sind und dass diese Ressourcen begrenzt sind, wir deshalb sorgsam mit ihnen umgehen müssen. Solche Gedanken waren eine Wurzel seines politischen Engagements, seiner Kandidatur für den Bundestag und das Europaparlament. Die andere war seine Auffassung von „Sozialer Plastik“, vom notwendigen Engagement der Kunst für die Gesellschaft.

„Demokratie ist lustig“, ist der Titel eines anderen Multiple. Es ist ein Foto vom lachenden Joseph Beuys, der durch ein Spalier von Polizisten am 11. Oktober 1972 die Düsseldorfer Akademie verlässt. Deren Leiter hatte die Polizei gerufen, weil Beuys sich weigerte, aus den 268 Bewerbern um einen Studienplatz für seine Klasse eine Auswahl zu treffen. Stattdessen hatte er mit den abgewiesenen Studenten das Sekretariat besetzt. Das entsprach seiner Meinung „Jeder Mensch ist ein Künstler“, die er 1967 zum ersten Mal veröffentlicht hatte. Beuys erklärte jede Form von Kreativität zur Kunst und wollte damit die Gesellschaft als „Soziale Plastik“ verändern. Auf der documenta 5 stellte er 1972 die „Organisation für direkte Demokratie und Volksabstimmung“ vor. Da für Beuys Kunst und Politik nicht zu trennen waren, gründete er eine Partei („Deutsche Studenten Partei“, 1967). Außerdem kandidierte er 1976 als Spitzenkandidat der von ihm gegründeten „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ für den Bundestag und 1979 bei der Wahl zum Europaparlament für die Grünen. Er verbündete sich mit Rudi Dutschke und Petra Kelly.

1974 flog Joseph Beuys auf Einladung des Galeristen René Block nach New York. Am Flughafen angekommen, ließ er sich in Bahnen aus grauem Filz einwickeln, mit einer Ambulanz in die Galerie fahren und dort zusammen mit einem Kojoten, den er Little John nannte, einschließen. Beuys hielt auf dem Boden sitzend einen hölzernen Hirtenstock und schlug gelegentlich auf eine Triangel. Für den Kojoten war Stroh am Boden ausgelegt, für den Künstler das „Wall Street Journal“. Aber der Kojote bevorzugte die Zeitung, zudem zupfte und riss er mit den Zähnen am Filz, wurde aber allmählich zutraulich. Nach fünf Tagen umarmte Beuys Little John, verstreute das Stroh, ließ sich wieder einwickeln und zum Flughafen fahren. Er hatte das Leben mit den wilden Tieren aus der Wüste (vgl. Mk 1,13) in die Galerie verlegt. Die Aktion hieß: „I like America and America likes me“. Fotos und ein Film der Aktion gingen um die ganze Welt. Beuys stand im Ruf des Schamanen und erlangte Weltruhm. Er selbst erläuterte: „Der Geist des Kojoten ist mächtig… Ich hatte Kontakt mit dem psychologisch wunden Punkt der Energieverteilung der USA. Das ganze amerikanische Trauma mit den Indianern, dem ‚Roten Mann‘. Man könnte sagen, dass noch eine Rechnung mit dem Kojoten zu begleichen ist. Erst dann kann dieses Trauma aufgehoben werden.“ Heute scheint das amerikanische Trauma eher aus dem Umgang mit dem „Schwarzen Mann“ zu stammen. Doch der Rassismus und die Vergewaltigung der Erde, die Verwüstung natürlicher Lebensgrundlagen dauern an.

Zeige deine Wunde

1979 erwarb die Städtische Galerie München für 270000 D-Mark den „teuersten Sperrmüll aller Zeiten“ (so ein Leserbrief an den „Münchner Merkur“): die Installation „zeige deine wunde“. Der Titel steht auf zwei Schultafeln, die über zwei abgenutzten Leichenbahren aus der Pathologie aufgehängt sind. Das ärmliche Material und der Imperativ forderten Widerspruch heraus. Denn Wunden zu zeigen, verstört, erinnert an unsere Sterblichkeit. Dass heute in beinahe jedem Fernsehkrimi, also mehrmals am Tag, Pathologen Leichen sezieren, hat der Installation nichts von ihrer prophetischen Kraft genommen.

Der gelernte Bildhauer Beuys war ein Meister des Zeichenstifts und der Wortwahl. 1982 rief er in Kassel die „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ aus. Er ließ 7000 Eichen auf Straßen und Plätzen der autogerecht wiederaufgebauten Stadt pflanzen. „Ich wollte ganz nach draußen gehen und einen symbolischen Beginn machen für ein Unternehmen, das Leben der Menschheit zu regenerieren innerhalb des Korpus der menschlichen Gesellschaft, und um eine positive Zukunft vorzubereiten.“ Die Kosten der Aktion, 4,3 Millionen D-Mark, brachte der Künstler durch Spenden und den Verkauf von Werken auf.

Vier Monate nach seinem Urlaub auf Capri, am 23. Januar 1986, starb Joseph Beuys an Herzversagen, verursacht durch Lungenentzündung, in seinem Atelier in Düsseldorf. Sein Sohn Wenzel Beuys pflanzte am 12. Juni 1987 die letzte der 7000 Eichen.

Siehe auch „Vor 100 Jahren wurde Joseph Beuys geboren“.