Gedanken zu Lesefrüchten (30.12.2019)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Warten und Erwarten

„Warten und Erwarten“ sind zwei Begriffe, die mit verschiedensten Inhalten gefüllt sind.

Zum einen gehört zum Warten Geduld. Vielen Menschen fällt es schwer, auf etwas zu warten oder etwas abzuwarten, ohne ungeduldig zu werden. Einen anderen Menschen warten lassen, vielleicht sogar ganz bewußt, ist ungehörig. Warten gehört zu unserem Leben.

Zum anderen fehlt unserem Leben die Spannung von Vorfreude und Erfüllung, wenn wir auf nichts mehr warten oder meinen, nichts mehr erwarten zu kön­­nen. Dann verliert die Zeit den Rhythmus und die Höhepunkte; ein Tag gleicht weithin dem anderen, und Eintönigkeit, Langeweile und Überdruß machen sich breit. Zeitvertreib ist nicht das Ge­genteil von Langeweile, sondern ihre Fortsetzung und Steige­rung mit anderen Mitteln.

Kinder üben im „Marshmallow-Versuch“, ei­n­en Wunsch auf­zu­­schieben und sich durch willentliche Kon­trolle „am Rie­men zu reißen“. Vierjährigen Kindern bot man Süßigkeiten an und stell­­te sie vor die Wahl, entweder die Süßigkeit sofort zu es­sen oder später eine zweite zu bekommen, wenn sie der Versu­chung widerstehen könnten und auf den sofortigen Genuß ver­zichteten. Wer den Bedürfnisaufschub leisten konnte, kam spä­­ter im Leben mit Herausforderungen besser zurecht.

Ebenso kann das „Erwarten“ verschiedenste Inhalte haben.

Viele Menschen setzen große Erwartungen in ihre Silvestervorsätze, aber die meisten Versprechungen halten nicht lange an.

Wenn wir etwas von anderen erwarten, werden wir nicht selten enttäuscht. Ich habe mir angewöhnt, nichts zu erwarten, und werde so immer beschenkt.

In der Adventszeit hat „Erwartung“ eine besondere Bedeutung: Erwartung auf das, was angekündigt wurde, die Ankunft Gottes in unserer Welt.

Für die Zukunft gilt: Wenn man das Unerwartete sehen möchte, darf man nichts er­warten.

„In einer Nacht, als ich im Gebet und in der Sehnsucht war, und nichts erwartete, da wurde ich unseres Herrn gewiß.“ (Mechthild von Magdeburg 1207-1282)

Die Polarität ist die Spannung des irdischen Lebens, und es ist spannend, diese Spannung zu erleben und die Entspan­nung, den völ­li­gen Ausgleich der Spannungen, die durch die bloße Tatsa­che des organischen Lebens entstehen, zu er­war­ten. Diese völlige Entspannung erleben wir in der Heimholung in die Ewigkeit, wenn alle Gegen­sät­ze in uns zusammenfallen im ALL-EINEN.