Gedanken zu Lesefrüchten (8.6.2020)

Wenn ich etwas Neues sehe, bringe ich es manchmal mit etwas mir Bekanntem in Verbindung. So ist es auch beim Lesen. Das Gelesene kann etwas zum Ausdruck bringen, was ich schon immer gedacht habe, nur so noch nicht formulieren konnte. Gleichzeitig entsteht ein Nachdenken, das mich zu weiteren Erkenntnissen führt.

Das Ewig-Weibliche – An der Schwelle vom Matriarchat zum Patriarchat

Im Zentrum des matriarchalen Bewußtseins stand die Urmutter des Seins. Im Matriarchat ist die Schöpferin des Alls eine Göttin. Im Tao te King des legendären chinesischen Philosophen Laotse ist eine Frau die Mutter aller Dinge (Kap 25).

Die drei Bethen, Steinrelief in der Nikolauskapelle in Worms (Foto: R. Uhrig)

 

 

 

 

In der Zeit des Matriarchats war „Gott“ Mutter als dreifaltige Göttin. Man nennt sie „Die drei Bethen“: AmbethWilbeth und Borbeth. Sie verkörpern die göttliche Triade als Erd-, Mond- und Sonnenmutter.

In der Kirche St. Alto von Leutstetten im Würmtal, nördlich vom Starnberger See, wo ich häufig meinen Urlaub verbracht habe, und in der Klosterkirche zu Schlehdorf am Kochelsee werden die drei Jungfrauen unter den ebenso fremdartigen Namen Ainpet, Gberpet und Firpet verehrt. In Meransen, zwei Kilometer nördlich von Mühlbach im Pustertal (Südtirol), gibt es noch heute die Wallfahrt zu den heiligen drei Jungfrauen Aubet, Cubet und Querre.

Die katholische Kirche wandelte den Bethen-Kult um, indem sie die drei Jungfrauen durch die Heiligen Margaretha, Barbara und Katharina ersetzten. Früher lernten die Kinder im Religionsunterricht: „Barbara mit dem Turm, Margarete mit dem Wurm, Katharina mit dem Radel das sind die drei heiligen Madel!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In den drei Jungfrauen lassen sich vorchristliche römisch-germanische Muttergottheiten (,matres’) erkennen. Die Farben Weiß, Hell und Dunkel ihrer Gewänder erinnern an die Farben Weiß, Rot und Schwarz der dreigestaltigen Mondgöttin.

Die Wende vom Matriarchat zum Patriarchat wurde vermutlich im Alten Testament mit Abraham eingeleitet und durch Mose und den Auszug aus Ägypten abgeschlossen. Der Kampf der Propheten gegen den Hang Israels, anderen Göttern als Jahwe zu huldigen, richtete sich auch gegen einen Rückfall ins Matriarchat. Da Jesus in das Patriarchat des Volkes Israel hineingeboren wurde, läßt sich dieses als „erfüllte Zeit“ und damit als Voraussetzung für den geschichtlichen Termin für Jesu Menschwerdung betrachten.

Jesus hat im Ritualismus, Legalismus und Formalismus der Pharisäer und Schriftgelehrten Auswüchse des Patriarchats bekämpft. Daß der Mann Jesus sich seiner weiblichen Seite bewußt war und diese auch lebte, hat die Theologin und Tiefenpsychologin Hanna Wolff (1910-2001)in ihrem Buch „Jesus der Mann“ bereits 1975 erklärt. Der in Israels rigidem Patriarchat groß gewordene Apostel Paulus hat durch seine mittels der feministischen Theologie erneut ins Blickfeld gerückte Botschaft „Ihr seid alle einer in Christus Jesus. Es gibt nicht mehr Mann und Frau“ (Gal 3,28) Jesu Ansinnen überaus signifikant formuliert.

Im Patriarchat drängt sich trotz aller Bemühungen immer noch das Männliche in den Vordergrund, und das Weibliche muß zurückstehen. Die Synthese wäre das Integrat von Weiblich und Männlich, wie es bereits der berühmte Kulturphilosoph Jean Gebser (1905-1973) gesehen hat.