8.2.2020

Gefängnis als goldener Käfig

„Wenn die Welt Gottes so groß ist, warum bist du in einem Gefängnis eingeschlafen?“ (Dschalal ad-Din Muhammad Rumi 1207–1273)

Merken wir es überhaupt? Dieses Gefängnis, in dem wir leben, ist so schön und bequem eingerichtet, daß wir uns gar nicht unserer Freiheit beraubt sehen.

Wir sind an unserem Ich verhaftet, und unser Ego ist der beste Wächter. Gefesselt an die unbegrenzten Angebote der Welt, haben wir unsere unendliche Weite eingebüßt.

Doch da kommt einer aus der Weite des Himmels in unser Gefängnis, um uns zu erlösen: Emmanuel, der „Gott mit uns"!

Nicht nur die Bibel berichtet es uns, sondern auch die Märchen der Völker erzählen davon, daß wir Königskinder sind, Prinzen, die aber zum Frosch geworden sind. (s. Grimmsches Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“)

Es kann aber auch sein, daß die Gefängniszelle ein Ort der Freiheit ist, an dem die Gefangenen freier sind als ihre Wärter.

Etlichen Menschen fällt es vermutlich trotzdem schwer, im Blick auf das Ende auch Gott zu entdecken. Dem Jesuitenpater Alfred Delp (1907-1945) gelang dies in ganz besonderer Weise. Im November 1944 schrieb er in sein Gefängnistagebuch: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleichsam entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen.“

Karl Leisner (1915-1945) schrieb im Gefängnis in Freiburg am 17. November 1939 in sein Brevier:
„Noch nie waren mir die himmlischen Dinge so nahe und vertraut! Die Tage äußerer Unfrei­heit sind herrliche Tage des inneren Freiwer­dens für Gott, der allein der Hort und die Burg der Freiheit ist. – Das große Wartenkönnen ist die göttliche Kunst!“