21.8.2021

Gehorsam

hören - horchen - gehorchen - Ich kann keine Autorität werden und sein, wenn ich nicht gelernt habe, gehorsam zu sein.

Glaubensgehorsam

Gehorsam ist kein fester Besitz, sondern ein lebenslanger Prozeß, der im Tod (am Kreuz) endet (vgl. Phil 2,8). Der größte Gehorsamsakt besteht darin, in seinen eigenen Tod einzuwilligen. Wer sein Leben laufen läßt, verendet nur. Sich aber zu seinem Ende in ein Verhältnis setzen, heißt sterben. Wahre Freiheit bedeutet, das Gesetz anzuerkennen und es zu seinem eigenen Gesetz zu machen.

Dieser Prozeß verlangt dauernde Hörbereitschaft: hören – horchen – gehorchen. Letztlich ist es ein Horchen auf Gott und Antwort geben in Verantwortung.

Sich an Gott zu binden, ist keine Fremdbestimmung, sondern entspricht dem tiefsten Wesen des Menschen. Folgsamkeit ist die Unabhängigkeit des eigenen Willens; dieser bringt das Opfer des Gehorsams und gehorcht in Freiheit.

Der letzte Gehorsam gilt Gott gegenüber und ist ein Akt der Demut. Es ist der Glaubensgehorsam.

Wir üben ihn Menschen gegenüber; denn sie sind Vermittler des göttlichen Willens. Es ist möglich, daß das Überich mehr Gehorsam fordert, als es irgendeine äußere Autorität kann. Nur wachsendes Ichbewußtsein kann die übergroße Macht des Überich eingrenzen. Es ist der Weg vom Erziehungsgewissen zum persönlichen Gewissen.

Das Gehorsamsversprechen kommt bis in die Geste der „commendatio“, abgeleitet von commendare (lat.) = anvertrauen, aus der germanischen Rechtssprache. Der Weihekandidat in der katholischen Kirche gibt seine zusammengelegten Hände in die Hände des Bischofs und verspricht ihm Ehrfurcht und Gehorsam. Diese versprochene Treue ist keine sklavische Unterwerfung; denn der Priester bleibt der verantwortliche Seelsorger der Ortskirche; ähnlich verhält es sich in bezug auf den Papst und die Bischöfe. Als Folge des Absolutismus kam es zur Pervertierung, die auch auf die Kirche Auswirkungen hatte und das Verhältnis Herr-Knecht entstehen ließ.

Das Gehorsamsversprechen zwingt zu der Entscheidung: Hochmut oder Demut, Herrschen oder Horchen, Macht oder Freude, Erfolg oder Erfüllung.

Solcher Glaubensgehorsam bedeutet dann eine Verfügbarkeit, die mehr beinhaltet als Pflichttreue, Pünktlichkeit und Ordnungsliebe; Glaubensgehorsam ist Dienst in der Kirche an den Menschen (vgl. 1 Kor 9,19).

Glaubens- und Liebesgehorsam

Bei Jesus ist sein Gehorsam gegenüber dem Vater identisch mit seiner Liebe zu ihm. Sein Leiden und Kreuz werden erst durch den Liebesgehorsam sinnvoll. Gehorsam ist Ausdruck der Nachfolge Jesu, dessen Freiheit in einer tiefen Gebundenheit an den Vater gründete.

Ich bin Gott gehorsam und ordne mich unter, weil ich ihn liebe.

Dieser Gehorsam findet seinen Ausdruck im Gebet als Übergabe an den Vater (vgl. Röm 8,15). Gott liebt den Menschen radikal. Der Mensch nimmt diese Liebe an und antwortet darauf im Gehorsam. Es ist die Antwort vertrauender Liebe auf anvertrauende Liebe.

Die Bindung im Glaubensgehorsam schenkt die größte Freiheit. Christophorus wollte nur dem größten Herrn dienen.

Lebensgehorsam

Es ist schwer, sein eigenes Leben anzunehmen und zu akzeptieren. Gott aber nimmt uns an und hilft uns, unser eigenes Leben zu bejahen und so sein zu wollen, wie er uns gedacht hat. Dadurch verliert der Mensch die Angst vor seiner eigenen Daseinsberechtigung. Gott braucht mich nicht, aber er hat mich gewollt in meiner Einmaligkeit. Kein anderer sein wolIen als derjenige, den Gott will, das ist Demut.

Schöpfungsgehorsam

Der Mensch sollte eine Hörbereitschaft für die Stimmen aller Mitgeschöpfe haben. Wenn er mit sich selbst in Harmonie ist, kann er die Schöpfung sprechen hören. Alle Dinge reden, wenn man nur offen ist für ihre Sprache (Schläft ein Lied in allen Dingen). Es kommt darauf an, sich in den Dienst der Dinge zu stellen und ihnen zu gehorchen (Der König im Kleinen Prinzen).

Führungsgehorsam

Dieser ist für ein Kind notwendig; er dient der Gewissensbildung. Auch für den Erwachsenen bleibt er immer ein wenig erforderlich, weil dieser sich leicht über sich selbst täuschen kann; daher sind begleitende Gespräche sinnvoll.

Ordnungs- und Funktionsgehorsam

Er ist unerlässlich innerhalb einer Gemeinschaft. Er zeigt sich in Über- und Unterordnung. Oberer und Untergebener leben in diesem Gehorsam. Das Motiv ist nicht die Führung, sondern die Einordnung. Ein solcher Gehorsam führt zu prinzipieller Loyalität, aber auch zu einer gewissen Elastizität.

Gehorsam – Gesetz – Ungehorsam

Gehorsam kann aus Angst erfolgen, weil der Vorgesetzte Furcht einflößt; er wird zum Versuch, den Vorgesetzten, der selbstsicher Befehle gibt, nachzuahmen. Dadurch geht die Eigenständigkeit verloren. Gehorsamsbereitschaft sollte aus Liebe erfolgen.
Ein Mensch kann in Übereinstimmung mit dem Gesetz stehen und doch ein Unmensch sein, man denke zum Beispiel an die Pharisäer oder die Nationalsozialisten.
Ein Mensch kann in einem bestimmten Fall das allgemeine Gesetz brechen und doch zu seiner Menschlichkeit finden, wie zum Beispiel der Barmherzige Samariter.

Gehorsam und Selbstverwirklichung

Gehorsam widerspricht dem Selbstbewußtsein des modernen Menschen mit seinem Wunsch nach Emanzipation und Selbstverwirklichung.
Aber gerade durch den Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes verwirklicht er sich. Der Gerufene horcht auf den Rufer und gibt Antwort.
Selbstverwirklichung darf man nicht direkt anstreben, sondern man erlangt sie über den Weg des Gehorsams. Der Mensch kommt zu sich selbst, wenn er aus der wahren Freiheit lebt, die sich bindet in Liebe; seine Freiheit ist begrenzt durch die Freiheit des anderen.
Die höchste Form der Unfreiheit ist die totale Isolation; Freiheit wird ermöglicht durch den anderen, er kann Hilfe auf dem Weg aus der Einsamkeit sein. Die Tradition nennt dieses Verhalten „Correctio fraterna (lat.) = brüderliche Zurechtweisung“.

Über die Aufgabe des Weggefährten im Umfeld der Bekehrung schreibt der Evangelist Matthäus: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ (Mt 18,15) Erst danach unter Zeugen, dann vor der Gemeinde (vgl. Lk 17,3).

Gewissensspiegel zum Gehorsam

Wo wird Gehorsam konkret?
Wo begegne ich persönlich dem „Du sollst!“, „Du sollst nicht!“?
Kann ich im Gebet auf Gottes Willen hören und in unterschiedlichen Situationen auf die Zeichen der Zeit? Versuche ich, auch Kleinigkeiten wahrzunehmen?
Bin ich, wenn ich gehört habe, verfügbar?
Kann ich eigene Vorstellungen aufgeben, um mich dem Gehörten zu stellen?
Kann ich mich selbst zurücknehmen, um mit anderen zusammenzuarbeiten?
Mache ich anderen Kritik an mir leicht, indem ich mir zum Beispiel etwas sagen lassen und die „Correctio fraterna“ annehme?