4.10.2022

Geistliches Leben ist eine Einheit von Leib und Seele

Wissenschaften, die mit dem Menschen zu tun haben, die sogenannten Humanwissenschaften, beschränken sich meist nur auf Natur- oder Geisteswissenschaften. Eine dritte müßte hinzukommen als „Wissenschaft über den Menschen“.

Nur medizinische Erkenntnisse mit psychologischen zu verbinden, reicht nicht aus, um ein umfassendes Wissen über den Menschen zu bekommen. Darüber hinaus muß wesentlich mehr geschehen. Folgende Personen haben sich damit beschäftigt und Ansätze geschaffen:

„Médecine de la personne“ nach Paul Tournier (1898-1986):
Diese Medizin sieht den Menschen als Ganzheit. Sie richtet ihr Augenmerk nicht nur auf ein einzelnes Organ, sondern setzt es immer in Beziehung zum ganzen Menschen und diesen wieder zu seiner Umwelt.

 

 

 

„Gestalttherapie“ nach Fritz Perls (1893-1970):
Sie geht auf den ganzen Menschen mit und in seinem Umfeld ein. Zur guten Gestalt des Menschen gehört ein lebenslanger Prozeß der Integration.

 

 

 

Gerhard von Rad (1901-1971):
Die Worte selem und demut beziehen sich auf den ganzen Menschen und weisen nicht nur auf sein geistiges Wesen, sondern ebenso wohl nicht geradezu in erster Linie auf die Herrlichkeit seiner leiblichen Gestaltung.
Der ganze Mensch ist gottebenbildlich geschaffen.

 

 

 

 

 

Gabriel Marcel (1889-1973):
Existieren heißt inkarniert sein.

 

 

 

 

 

 

 

Paul J. Kohtes (* 1945):
In vielen alten Kulturen gibt es die Idee der Wiedergeburt. Insbesondere für uns im Westen klingt das heute eher wie aus einer surrealen Welt. Dabei ist die Grundidee durchaus intelligent. Wenn nämlich der Mensch nicht nur ein Tier ist, sondern eine geistige Entität, dann kann das Tier sterben und vergehen, die geistige Konsistenz bleibt jedoch erhalten – und kann sich dann neu manifestieren.
Ein wenig kannst du dir das so vorstellen: Ein Regentropfen hat während seiner Existenz, also vom Loslösen aus der Wolke bis zum Eintreffen auf der Erde, eine bestimmte Form, ist also ein Etwas. In dem Moment, wo dieses Etwas – mit großer Wahrscheinlichkeit – im Meer auftrifft, löst sich seine Form, aber das, was den Tropfen ausgemacht hat, bleibt im Meer erhalten. Und wird möglicherweise in neuer Form durch die Verdunstung wieder zur Wolke und zu einem völlig neuen Tropfen.
Die dahinterliegende Grundidee vom endlosen Werden und Vergehen könnte also auch für jeden Einzelnen von uns zutreffen, sodass wir immer wieder neu entstehen, und zwar nach Spielregeln, die durch unsere individuelle Historie geprägt sind. Das ist, wie wir am Universum ablesen können, kein simpler Wiederholungsprozess, sondern geschieht offensichtlich in einer kreativen Dynamik – niemals völlig neu, aber auch niemals immer das Gleiche. Die berühmte Tuschezeichnung im Zen mit dem offenen Kreis ist ein Symbol dafür. In der Meditation taucht nämlich sehr schnell das Koan unserer eigenen Position zwischen dem Vergänglichen und dem Wieder-Neugeborenen auf. In der Psychologie wird die Fähigkeit, sich nach einem „Scheitern" wieder aufrichten zu können und neu zu beginnen, als Resilienz bezeichnet.
Wer kennt das nicht, sich nach einer Dusche oder nach einem Bad wie neu geboren zu fühlen? Noch viel deutlicher zeigt sich dieser Effekt nach einer längeren Meditationseinheit, zum Beispiel nach einem Sesshin. Wiedergeboren zu werden, ist also nicht nur eine spirituelle Konzeption, sondern auch eine wesentliche Fähigkeit, den Alltag in seiner Dynamik besser zu managen. Allerdings darfst du dabei nicht vergessen, dass die Voraussetzung für das Wiedergeborenwerden das Sterben ist. Wenn man diesen Dreh einmal raus hat, ist das auch nicht mehr ganz so tragisch.

Siehe auch Link www.healingformula.de.

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Geistliches Leben ist nicht nur etwas für die Seele, sondern Äußerung des ganzen Menschen. Insofern gibt der Begriff „Seelsorger“ nur die Hälfte wieder.

Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Durch ein neues Verständnis der Schöpfungsgeschichte gelangt man aus dem Dualismus „Leib-Geist, Leib-Seele“ hinaus. Nach dem Bild (selem) Gottes und seiner Ähnlichkeit (demut) sind wir geschaffen. „Dann sprach Gott: Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.“ (Gen 1,26)

Wir dürfen nicht nur von Psychosomatik reden, sondern wir müssen sie leben: Wir haben nicht einen Leib oder gar einen Körper, sondern wir sind Leib.

Es besteht die Gefahr, den Leib nur als Objekt wahrzunehmen. Subjektiv wird sich der Mensch dann nur im Schmerz seines Leibes bewußt. Er kümmert sich um ihn, um ihn leistungsfähig zu erhalten. Er macht sportliche Übungen, um fit zu sein; sogar Yoga und autogenes Training werden oft mißverstanden. Man leistet sich einen Urlaub, um nachher wieder etwas leisten zu können.

Der Leib ist der Mensch selbst. Er ist auf seine Weise in Raum und Zeit „da“.

Alles, was uns ausmacht, vermitteln wir immer auch körperlich. So hat jegliches Tun und Denken immer auch einen körperlichen Aspekt. Die deutsche Sprache hat für dieses Ineinander von Körperlichem und Geistigem mit dem Wort „Leib“ einen eigenen Begriff geschaffen.