6.2.2020

Glauben und Wissen

Glaube ist ein lebenslanger Lernprozeß voller Zweifel und nie abgeschlossen. Es geht nicht um einen Glauben nach dem Mus­ter: „Ich glaube, daß heute Montag ist.“ Was sich durch Re­­­cher­chie­ren in Wissen überführen läßt, ist kein Glauben. Wis­sen spielt sich auf der logischen Ebene ab, Glauben auf der Bezie­hungsebene. Daß eins und eins zwei ist, kann ich beweisen und wissen. Daß je­mand mich liebt, darf ich glauben und ist durch Zeichen und Haltungen zu un­ter­streichen, beweisen läßt es sich nicht.

Der Wissende hat sein Wissen von jemand anderem. Der Glau­bende beruft sich auf sich selbst. Glauben ist die Suche nach Wissen, verbunden mit der Erkenntnis, daß wir Bestimm­tes nicht wissen können, sondern glauben dürfen. Wissen­schaft­­­liche Messungen können einen Glauben nicht beweisen. Statt den Glauben zu Tode zu reflektieren, sollte er erfahr­bar werden.

Glaube ist also nicht triumphalis­tisch, son­­dern im ra­dikalen Auf­ge­ben der Pri­­vilegien und Pseudo-Gewißheiten der Wissenden. Es bleibt das Schwei­­gen und das Beten.

Was die Gedanken fassen können, ist Wissen. Was das Herz verstanden hat, ist zur Gewißheit geworden. Das Herz hilft bei wichtigen Entscheidungen; die Vernunft hilft, rational zu argu­mentieren. „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ (Blaise Pascal 1623–1662) Die Logik des Herzens umfaßt die sinnlich-intuitive Erkenntnis und geht tiefer als die Vernunft. Dem Herzen sind Erkenntnisse zugänglich, die sich nicht beweisen oder begründen lassen. Ziel ist es, daß beide inein­andergreifen und sich ge­genseitig beschränken.

„Glauben und Wissen sind beide auf Wahrheit gerichtet. Wahr­­­­­­heit bedeutet jedoch in beiden Fällen etwas anderes. Ein Na­tur­wissenschaftler analysiert, zerlegt, fragmentiert, um die Wahr­heit zu finden, und landet deshalb notwendig beim Aller­kleinsten. Auch der Gläubige sucht nach Wahrheit. Er sucht sie in der Religion. Er nähert sich ihr in kontemplativer Hal­tung, in der meditativen Versenkung, erlebt sie in der Öffnung zum Ganzen.“ (Hans-Peter Dürr 1929–2014)