21.1.2020

Gotteshaus als Ort, wo Himmel und Erde sich berühren

Eucharistiefeier als Erfahrung dieser Berührung

Wir Menschen haben Erinnerungen an den Himmel in uns und sehnen uns dorthin zurück. Wir stammen aus dem Staub, dem Sternenstaub, aus dem unsere Erde entstanden ist.

Die Römer nannten einen einer Gottheit geweihten Raum „fanum – Tempel“. Alles, was sich davor (pro fanum – vor dem Tempel) befand, bezeichneten sie als „profanus – unheilig“.

Für Christen ist alles Gottes Schöpfung, und auch sie haben „Heilige Räume“.

Wenn die ganze Welt Gottes Schöpfung ist, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen „fanum“ und „profanum“, zwischen „heilig“ und „unheilig“, dann können wir überall Gottesdienst feiern, was ja auch geschieht.

Aber wie es das Fest neben dem Alltag geben muß, so auch den heiligen nicht verzweckten Raum neben den Alltagsstätten unseres Lebens. Es ist eine Notlösung, wenn in der Diaspora der Gottesdienst in einem Wirtshaussaal gefeiert werden muß. Wir brauchen auch Kathedralen!

Alexander Solschenizyn (1918-2008) in seinem Roman „Der Erste Kreis der Hölle“:
„Vielleicht wäre gerade jetzt für den Sowjetstaat eine gewisse Einsicht in die sittlichen Bedürfnisse des Volkes wichtiger als der Bau des Wolga-Don-Kanals oder des Angara-Staudamms.“
Aus dieser Mutmaßung entwickelte er die Idee, die marxistische Gesellschaft benötige weltliche Kathedralen mit feierlichen Riten für die großen Grundakte menschlichen Lebens. Dafür gälte es, Bedienstete zu finden, die sich, gestützt durch die Liebe und das Vertrauen des Volkes, bereit erklärten, ein makelloses, uneigennütziges und würdiges Leben zu führen.

Michail Gorbatschow (* 1931) erkannte das Bedürfnis der Menschen nach kirchlichen Kathedralen und gestattete wieder die Feier von Gottesdiensten.

Kathedralen beschränken sich nicht auf Steine und Baustile, sondern sie brauchen Menschen, die den Raum beseelen. Schon durch die Art unserer Bewegungen und Gebärden können wir einen leeren Raum zur Scheune oder zur Kirche machen. In den Revolutionen wurden kirchliche Räume in Ställe verwandelt. Obwohl das nie ganz gelang; denn Räume haben ihr Gedächtnis. Das gilt sowohl positiv als auch negativ.

Es gibt Gebetsorte, die schon vor dem Christentum dem Heiligen dienten und dann übernommen wurden, wie zum Beispiel die Kathedrale von Chartres. Ein solcher Ort ist gleichsam aufgeladen. Es gibt Legenden, nach denen Druiden am späteren Ort der Kathedrale bereits „eine virgo paritura – eine Jungfrau, die gebären wird“, verehrt haben.

 

 

Wenn wir kein Gespür mehr für die Seelen von Kathedralen haben, dann werden sie zu reinen Museen. Gegen den Bau von Kathedralen scheint zu sprechen, daß wir als Volk Gottes auf dem Weg sind. Das verlangt nach dem Provisorischen. So wollten die Brüder von Taizé leben.

Frère Roger Schutz (1915-2005) in seinem Tagebuch:
„Als ich unsere Betonkirche wachsen sah, kam für mich eine schwierige Zeit. Heute nach Jahren kann ich mich immer noch nicht dafür begeistern und möchte, daß sie fest im Boden vergraben wäre, möglichst wenig sichtbar für die Augen der Menschen. Wir alle haben bis heute nach bestimmten Normen Nichtprovisorisches gebaut. Doch der Bewegungsimpuls der modernen Zeit läßt an eine Kirche denken, die wie unter einem Zelt lebt.“

 

Alte romanische Dorfkirche mit dem Grab von Frère Roger

 

 

 

Taizé heute

 

Darf es angesichts dieser Worte von Frère Roger keine Kathedralen mehr geben? Muß deswegen schon eine Kathedrale ein Verrat sein am Exodus des Volkes Gottes? Kann ich mich nicht auch in einem Zelt etablieren, so wie zum Beispiel auch Campingwagen zu Häusern werden?

Auch hier gibt es einen Spannungsbogen, der gelebt werden kann, wenn „wir selbst Gottes Bau sind und Gottes Geist in uns wohnt“ (vgl. 1 Kor 17). Wenn wir als solche den Dom beleben, dann ist er kein Museum, sondern ein Ort der Gottesbegegnung. „Kirche“ heißt „heilige Gemeinde des Herrn“. Der Raum ist nur durch den Altar eine Kirche. Bei der Liturgie am Altar geht es um eine Bewegung in zwei Richtungen: Die Bewegung Gottes zu den Menschen verbindet sich mit den zu Gott aufsteigenden Menschen. Werden wir den Dom wirklich beleben?

Inzwischen werden wie in anderen Ländern auch bei uns Kirchen zum Abbruch oder Umbau freigegeben. Wie kann sie dann aber noch Zeichen sein in einer säkularisierten Welt? Sie sollte auch künftig ein deutliches Zeichen wider die Resignation bleiben.

 

Dreifaltigkeitskirche in Münster

Quelle des Fotos

 

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Martin Kalitschke berichtete am 28. Dezember 2019 in den Westfälischen Nachrichten unter der Überschrift „Heilig Geist ist eine der ersten modernen Kirchen Deutschlands – Wegweiser für neue Zeit“ über die Entstehung dieser Kirche. „Es handelt sich um ein Gebäude im schlichten Stil der Neuen Sachlichkeit, die später häufig als Bauhausarchitektur bezeichnet wurde.“

Quelle des Fotos

Siehe auch Gedanken zu Lesefrüchten (12.8.2019) – 100 Jahre Bauhaus – zurück zum Schlichten – was die Kirche lernen könnte

und Impuls vom 26.4.2019 – Heiliger Raum als Symbol.