28.3.2019

Hänsel und Gretel – Adam und Eva

Gedanken zur Vertreibung aus dem Paradies und zum Grimmschen Märchen „Hänsel und Gretel“ von Hans-Karl Seeger:

Artikel Märchentage

Fotos: Nicole Dick

* * * * *

War es eine Vertreibung aus dem Paradies, von der die Genesis erzählt? Oder eher eine Befreiung? Das vielleicht bekannteste deutsche Volksmärchen „Hänsel und Gretel“ gibt Anregungen, die Frage zu lösen.

Wer kennt nicht das Gebet:
„Abends, wenn ich schlafen geh,
vierzehn Engelein um mich stehn,
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meine Füßen,
zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zweie, die mich decken,
zweie, die mich wecken,
zweie, die mich weisen
zu Himmelsparadeisen",

und den Spruch und das Volkslied:
Knusper, knusper, knäuschen ..."?

Im Märchen verhalten sich die Erwachsenen (Eltern und Hexe) nicht den Kindern gemäß, diese aber sind Helden, die ihren Weg finden und nach langem und mühsamen Irrweg nach Hause kommen. „Wohin gehen wir? Immer nach Hause!“ (Novalis 1772-1801)

Es fällt auf, daß die Eltern namenlos sind, die Kinder aber Namen tragen: Hänsel und Gretel. Als die Märchen entstanden, gab es in den Familien meist mehr als zwei Kinder. Wir haben hier ein Verhaltensmodell für das Mädchen und den Jungen. Die Geschwister durchlaufen nebeneinander und miteinander den gleichen Erlebnisweg mit oft unterschiedlichen Reifungsvorgängen. Gegen Ende, als sie mit der weißen Ente über das Wasser setzen, gehen beide allein ihren Weg.

Adam und Eva leben wie Kinder im Paradies als Mann und Frau in ursprünglicher Einheit, aufeinander angewiesen und füreinander bestimmt. Dann kommt die Schlange, es gehen ihnen die Augen auf, und vorbei ist es mit dem Leben im Paradies.

Hänsel und Gretel – Adam und Eva – beide Geschichten haben vieles gemeinsam. Beide erzählen in symbolischen Bildern von Urerfahrungen der Menschen miteinander und mit Gott. Beide erzählen von einer Vertreibung, die sich nachher als Befreiung erweist. Beide beschreiben einen langen Weg von zwei Menschen auf der Suche nach sich selbst, begleitet von etlichen Hindernissen und Versuchungen.

Das Märchen erzählt, wie der Kampf ums Überleben die Kleinsten und Schwächsten am härtesten trifft. Alles geschieht aus der Perspektive des Kleinen und Schwachen, des Kindes.

Hänsel und Gretel werden aus dem Elternhaus vertrieben, hinein in die kalte, unwirtliche Welt. Es war zwar kein Rosengarten, aber doch ein Stück Ur-Heimat und Mutterschoß wie jedes Elternhaus. Jeder weiß: „Hier gehöre ich hin.“ Auch wenn die Eltern noch so schwach und kalt sind, daß ein Kind sogar ausreißt, bleibt das Elternhaus doch ein Kindheitsparadies. Jedes Kind will dorthin zurück, das zeigt zum Beispiel auch das Märchen „Frau Holle“.

Was bedeutet Ihnen Ihr Elternhaus?

Und doch leben wir auf dieser Erde in keinem Paradies, weder im Mutterschoß noch in der Höhle des Elternhauses. Die Mutter ist sich dessen bewußt und schickt ihre Kinder fort. Dadurch wird sie zur Stiefmutter, zur Rabenmutter. Eine gute Mutter liebt ihre Kinder, opfert sich für sie auf, verwöhnt sie und will nur das Beste. Es sind Mütter, die ihre Kinder so liebevoll ans Herz drücken, daß sie nicht mehr frei atmen können.

Das Kind versucht sich zu befreien wie in dem Lied „Hänschen klein“.

Dieses Lied charakterisiert beispielhaft die Mütter und Väter, die ihre Kinder nicht loslassen, sie an sich klammern, ihnen ein „Paradies“ bereiten wollen und sie doch einsperren in einen Käfig, wenn er auch golden ist. Die Kinder aber müssen frei sein, frei wie ein Vogel im Wind. Wer aber befreit sie aus diesem „Paradies“? Der arabische Dichter Khalil Gibran (1883-1931) gibt den Eltern in seinem Gedicht „Von den Kindern“ in gewisser Weise eine „Anleitung“ für den Umgang mit ihren Nachkommen.

Gleich zu Beginn des Märchens taucht der Wald auf, in dem ein armer Holzhacker wohnt. Er erweist sich als Diener des Waldes und psychologisch als Trabant der großen Mutter Natur. Das Ichbewußtsein dieses Vaters steht noch wesentlich unter der Dominanz des Unbewußten und damit des Weiblichen. Er hat noch nicht die männlichen Eigenschaften eines erwachsenen Mannes entwickelt. So läßt er sich auch von seiner Frau überreden, obwohl die Kinder ihn dauern. Diesbezüglich ist zu bedenken, daß die Verarmung des Vaters, sein Schwächerwerden, mit dem Wachstum der Kinder zu tun hat. Er müßte abtreten, um den Kindern genügend Platz zu machen. Durch den Tod der Kinder könnte er seinen eigenen hinausschieben.

Der Impuls des Aussetzens kommt von der Stiefmutter, aber sie kann ihn offenbar nur mit der Hilfe des Vaters vollziehen. Der namenlose Vater kann dem Unheil nicht begegnen, sein Sohn Hänsel aber hat die tragende Kraft in sich, und im hellen Licht des Mondes, also dem inneren Licht in jeder Dunkelheit, findet er die weißen Steine, die gerade in diesem Licht zur Wegleuchte werden.

Das Ichbewußtsein der Eltern plant den Mord. Vermutlich motiviert eine unbewußt innen lebende Liebe die Tat, und der Weg in den Wald ist ein Weg zur Selbstfindung, der sich nicht anders beschreiten läßt.

Die Kinder verstehen das Gespräch ihrer Eltern, das sie belauschen, sehr gut, und zwar aus der tiefsitzenden Angst, die jedes Kind kennt, nämlich daß es den Eltern zur Last werden könnte.

Kennen Sie so etwas aus Ihrer Kindheit? Wie haben Sie darauf reagiert?

Ein Kleinkind zweifelt weder an sich selbst noch an seinen Eltern. Liebe ist in dieser Zeit ein starkes Einheitserleben, ein Umfangensein. Bis zum Alter von zwei Jahren erlebt sich das Kind in einer fraglosen Einheit mit der Mutter und kann sich nicht vorstellen, allein gelassen zu werden. Es kann sich nicht als selbständiges, von anderen getrenntes Wesen begreifen. Erst wenn es sich seiner selbst bewußt wird, kann es diese Bedrohung phantasieren. Vorher gab es zwar Angst, aber jetzt gibt es Zweifel. Hänsel und Gretel sind keine kleinen Kinder mehr, sie stehen etwa im Kindergartenalter und leben nicht mehr in der ursprünglichen Einheit mit den Eltern und der Welt. Das zeigt das Bild der lauschenden Kinder. Das Trotzalter beginnt. In dieser Zeit vermögen die Kinder bereits sehr viel, wollen aber auch immer wieder noch klein sein, zum Beispiel wenn sich ein Geschwisterkind ansagt.

Die Kinder erleben das Verhalten der Eltern als Verweigerung. In der Phantasie kann dies bedrohliche Ausmaße annehmen, nämlich die Vorstellung entwickeln, die Eltern wollten die Kinder aussetzen, also versuchen Hänsel und Gretel zurückzukommen.

Eine Schlüsselfigur ist die Stiefmutter, eine Gestalt, die genau die Gefühle verkörpert, von denen das Kind meint, seine eigene Mutter müsse sie haben, sonst wäre sie doch nicht so böse zu ihm. So erhält es sich die gute Mutter und sein seelisches Gleichgewicht. Deswegen müssen die Stiefmütter – anders als in der Realität – immer böse sein. Es handelt sich um Projektion.

Die Stiefmutter tritt an die Stelle der guten Mutter, die leider viel zu früh gestorben ist. Die Mutter des Kleinkindes muß aber auch aus dem Leben des Heranwachsenden weichen.

Wenn die Kinder sich selbst zum Problem und die Gefühle zwiespältig werden, ist Hilfe nötig. Diese gibt das Märchen. Sie liegt im bedingungslosen Miterleben des Märchengeschehens. Wenn sie sich mit Hänsel und Gretel identifizieren können, dürfen sie ohne weiteres alle Gefühle von Wut und Haß haben, die ihnen sonst Schuldgefühle bereiten würden.

Im beginnenden Morgen vollzieht sich der Auszug aus dem Vaterhaus; im Morgenlicht der Sonne treten die handelnden Personen in Aktion. Es ist kein Platz für die Kinder zu fragen: „Was habt ihr mit uns vor?“ Die Auszugs-Aktion geschieht nur zweimal, nicht wie sonst in Märchen dreimal. Vermutlich reicht dies auf Grund der unbeirrbaren Zielgerichtetheit der Mutter, die alle Lebensmöglichkeiten verschließt, und sich zu keinem Weg zurück und keinem Halt verführen läßt. Sie kennt zwar nicht die glückliche Lösung am Ende, aber sie initiiert sie. Später heißt es: „Sie war gestorben.“ Damit macht sie den Weg für die Kinder in die Selbständigkeit frei.

Es ist der Lebensweg, aber auch der Einweihungsweg in die alten Mysterien, ein Labyrinthweg, ein Weg durch die Unterwelt, um nach der Nacht des Todes wieder in das Licht des Lebens geboren zu werden.

Die Kinder kommen in die Mitte des Waldes, „wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren“. Hier ist das Zentrum des Lebens. Frei wie ein Vogel sind sie dort, aber auch verloren. Verlassen vom Vater – vertrieben von der Mutter. Sie müssen sich ganz auf sich selbst verlassen und auf Gott. „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“

Eltern wissen oft zu wenig, wieviel ihr Dasein und ihre Einstellung ihren Kindern bedeutet, wie stark Ersatzobjekte, wie zum Beispiel Geld, Fernsehen und Spielzeug, im Gemüt eines Kindes als Abgewiesensein und Weggeschicktwerden erlebt werden.

Aber das Hinausgeworfenwerden in die fremde und feindliche Welt muß geschehen. Erst dadurch erkennt Hänsel, daß seine kleine Kinderwelt mit dem Schlaf unter dem Baum endgültig zu Ende gegangen ist.

Mit seinen Brotkrumen hat er sich den Dank und die Hilfe der Tiere erworben, ganz unbewußt. Ein weißer Vogel führt die Kinder so auch zunächst zum Hexenhäuschen. Es ist verführerisch, aber die Droge Knusperhäuschen macht süchtig. Ist es ein neues Paradies? Es ist verlockend und unheilschwanger zugleich. Versuchungen haben immer zwei Seiten.

Wie würden Sie sich verhalten? Hineinstürmen, zögerlich hineingehen, unschlüssig draußen stehenbleiben oder fliehen?

Die Ambivalenz der Versuchung zeigt sich auch bei Adam und Eva. Ihr Essen vom Baum geschieht in der Absicht, wie Gott zu sein, statt sich damit zu begnügen, bei Gott zu sein. Ihr Tun gereicht ihnen zur Erkenntnis von Gut und Böse.

Hänsel und Gretel ermutigen sich gegenseitig, gehen gemeinsam ins Haus, ins neue Paradies und damit ins neue Gefängnis mit der Hexe. Mit Hänsels Aufforderung: „Da wollen wir uns dranmachen!“, futtern sie der Hexe das Dach überm Kopf weg. Vermutlich hatte die Stiefmutter doch recht mit ihren Befürchtungen, die Kinder äßen ihnen alles weg.

Die Kinder wurden von der Mutter aus dem Haus getrieben, von der Hexe angezogen und das so sehr, daß sie die Kinder sogar auffressen will, sie hat sie zum Fressen gern.

Die Mutter verkörpert zwei Wesenszüge: Sie schickt die Kinder in den Wald und kehrt in der Hexe in anderer Gestalt zurück. Die Mutter, die die Kinder losläßt, erklären wir zur Stiefmutter, die Mutter, die verwöhnt, bezeichnen wir als gute Mutter. Aber der Ausspruch: „Ich liebe dich so sehr, daß ich dich auffressen könnte“, kann tödlich sein. Diese zwei Seiten gilt es zu erkennen.

Die Hexe löst zunächst Erschrecken aus. Als sie aber den Kindern alles gibt, wonach sie verlangen, vergessen sie den Schrecken. Oft werden Erstsignale aus der instinktiven Seelenschicht über die Intuition wahrgenommen, aber ganz schnell wieder verdrängt. Die Ahnung reicht nicht in den Entscheidungsraum. Aber was hätten die Kinder machen können?

Was hätten Sie gemacht? Kann man vor dem Schicksal weglaufen?

Die Hexe muß überwunden werden, sie muß weg, hinein in den Ofen und sich in nichts auflösen.

Doch da ist zunächst das Knusperhäuschen. Ein Haus kann Sicherheit bieten oder Nahrung, aber nicht beides. Nur das ungeborene Kind, geborgen im Schoß der Mutter, erfährt diesen zugleich als Bett und Nahrungsquelle. Es ernährt sich sozusagen von seinem Haus. Die Kinder sind nicht fähig, über ihren Hunger hinaus zu denken; denn sie haben ihn nicht unter Kontrolle und ignorieren daher die warnende Stimme. Sie halten die Hexe für gut, weil sie ihnen ihren Wunsch erfüllt.

Die Kinder sind eingefangen im Hexenkreis und können sich dem Erfahrungsprozeß nicht mehr entziehen. Während bisher Hänsel der Handelnde war, ist es jetzt Gretel. Wieviel Leid ist nötig, damit jemand aktiv wird. Gretel läßt sich das Rettende einfallen und handelt aus einem tiefen Wissen heraus genau richtig.

Statt Todesangst entwickelt sie die kreative Fähigkeit, zielsicher das Richtige zu erkennen. Es ist also möglich, Ängste zu haben und sie zu überwinden, indem man auf die innere Stimme lauscht, die dem Bewußtsein Ideen vermittelt, bei denen es darauf ankommt, sie mit der aktuellen Realität des Augenblicks zu verbinden. In diesem Einklang begegnet man dem Schatz.

Adam und Eva blieb die Hexenmutter erspart. Aber ansonsten gibt es viele Parallelen. Das Paradies ist so etwas wie ein Knusperhäuschen. Alles ist da, alle Wünsche werden befriedigt. Und das macht abhängig und süchtig wie eine Droge. Aber was ist, wenn alle Wünsche sofort befriedigt werden? Dann herrscht Stillstand, und nichts bewegt sich mehr. Gott wird dann zur nährenden, uns mit Essen vollstopfenden Mutter.

Aber so ist Gott nicht, er ist wie eine Mutter, die losläßt und fortschickt: „Geht euren Weg! Macht euch auf den Weg, euch zu finden, mich zu finden! Ich will euch nicht an mich binden, nicht klein und unmündig halten. Ich will nicht, daß ihr bei jeder Gelegenheit zurückgelaufen kommt. Ich lasse euch frei und traue euch zu, den richtigen Weg zu finden.“

So ist Gott. Es geht also nicht um ein Verstoßen, sondern um eine Befreiung. Aber wie schwer fällt es uns Menschen, dieses Geschenk der Freiheit anzunehmen, an einen Gott zu glauben, der uns diese Freiheit zumutet. Dann sagen wir lieber: „Es ist unsere eigene Schuld, daß wir das Paradies verlassen mußten.“

Bei der Darstellung als Vertreibung aus dem Paradies in der Bibel handelt es sich um eine Umdeutung von Menschen, die ihre ihnen von Gott zugewiesene Freiheit nicht aushalten konnten. Sie wollten lieber einen Gott, der sie verwöhnt. Das ist in Bezug auf die Brotvermehrung durch Jesus auch der Fall. Gott läßt die Menschen frei, aber dabei nicht hilflos und nackt. Er stattet sie mit der Fähigkeit aus, sich selbst zu erkennen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Aber wie findet der Mensch den Weg? Oder verirrt er sich und hält voll Sehnsucht nach irgendeinem Hexenhäuschen Ausschau, wo er erneut zum Gefangenen wird?

So ergibt sich die Frage nach dem Warum. Da nagt der Hexengott in uns, um uns das Handeln abzunehmen und uns wie Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Es ist der Gott, der uns vollstopft mit schnellem Glück, der uns aber nicht losläßt, sondern uns am Ende verschlingt. Ein verwöhnender Gott wird zur Droge. Bei einem solchen Gott muß man enttäuscht, wenn die Verwöhnung einmal aufhört, fragen warum.

Der Gott unseres Glaubens ist anders, er schickt fort, stellt uns auf eigene Füße. Im ersten Wort nach der Urgeschichte sagt er zu Abraham: „Geh!“ Er mutet uns die Freiheit zu, selbst zu entscheiden, auch wenn wir den falschen Weg gehen.

Hier endet die biblische Geschichte. Das Märchen aber geht weiter, es zeigt auf, was noch werden kann. Die Bibel verdeutlicht dies in anderen Geschichten. Die gesamte Urgeschichte ist ein Reifungsprozeß, so schildert es Eugen Drewermann in seinem dreibändigen Werk „Die Strukturen des Bösen“.

Gretel hat so gut zu sich selbst gefunden, daß sie die Hexe durchschaut. Als gierig aufsaugende Mutter kann die Hexe nicht gut sehen und erspürt auch nicht die Gefühle des Mädchens. Sie ist vollkommen auf ihre Freßlust fixiert. Als eigenes Kind ist ihr Gretel zur Droge geworden.

Hänsel und Gretel aber sind hellwach. Sie sind auf dem Weg des Lebens schon so weit gelaufen, daß die Hexe ihnen nichts mehr anhaben kann. So gefährlich ist die Hexe gar nicht, wenn ich nur wachbleibe und meinen Gefühlen traue.

Die Hexe ist als fressende Mutter unsäglich dumm. Sie muß dahin, wo sie herkommt, ins Nichts. Sie ist eine Phantasie, ein Phantom. Eigentlich gibt es sie gar nicht. Vielleicht taucht sie deshalb in der Bibel nicht auf.

Als die Kinder diesen unwirklichen, aber so mächtigen Hexen-Anteil der Mutter verbrannt haben, sind sie frei, ja erlöst. Erlöst von der vereinnahmenden und verwöhnenden Mutter, erlöst von der quälenden Frage „warum?“. Sie können niemanden mehr für sich verantwortlich machen.

Und jetzt finden sie Schätze im Haus, die inneren Schätze, die in jedem Elternhaus bereitliegen. Man muß die Augen nur öffnen, wenn sie nicht mehr geblendet sind durch die Hexenverlockungen.

Wenn die Trennung von der Mutter versucht wird, dann symbolisiert die Hexe die Gefahr der nicht erfolgten Trennung. Erst wenn die Trennung gänzlich erfolgt ist, kann man richtig nach Hause kommen. Die böse Mutter ist verschwunden, sie ist tot wie die Hexe. Die Kinder sind nun keine Last mehr, sondern eine Stütze für die Familie.

Der Weg dahin führt über ein Wasser wie bei einer Taufe zur Neugeburt. Die weiße Ente ist da. Durch dieses Wasser muß jeder für sich allein. Nicht mehr gemeinsam wie vorher als Kleinkinder. Hänsel und Gretel sind jetzt selbständige Menschen.

An welcher Stelle des Märchens leben wir? Zwischen Paradies und Knusperhäuschen mitten im Wald?

Manchmal träumen wir vom Paradies. Können auch wir wie Hänsel und Gretel, verloren im Wald, sagen:

„Wir werden den Weg schon finden“?