30.7.2019

Hat etwas einen Sinn oder macht das Sinn?

Es geht um die Frage nach Sinn, nach dem Sinn unseres „Tuns“, um die Frage, wie wir handeln sollen.

Will man den Menschen näher charakterisieren, bezeichnet man ihn als „homo faber – handwerklich begabten Menschen“. Kehrt man die negative Seite dieser Charakteri­sierung heraus, spricht man einfach vom „Macher“. Der Macher lebt sehr gefährlich; denn am Ende bildet er sich ein, alles sei mach­bar und er könne alles machen. Die neueste Stilblüte zu diesem Thema zeigt sich inzwischen in den in allen Bereichen aufzufinden­den Formulierungen: „Das macht Sinn“, „Das macht keinen Sinn“. Sinn aber ist entweder da, oder er ist nicht da, aber er ist nicht ma­chbar; erst recht nicht von Menschen.

Warum bleiben wir nicht bei Formulierungen wie „Das hat Sinn“, „Das ergibt Sinn“, beziehungsweise „Das ist nicht sinnvoll“, „Das ist sinnlos“? Hier scheint mir eine Hy­bris unserer Zeit zu liegen, in der alles mach­bar scheint, also auch der Sinn.

Es geschieht im Leben immer etwas. Der Zustand absoluter Unbeweg­lichkeit ist der Tod. Das Leben ist ein fortlau­fender Prozeß, den die Chinesen „TAO – Weg“ nennen. Wan­del ist nicht die Folge ir­gendeiner Kraft, sondern die natürliche Tendenz, die allen Dingen und Situationen ursprünglich innewohnt. In der taoistischen Phi­losophie gibt es auch den Ausdruck „wu wei“, der wörtlich übersetzt „Nicht­handeln“ bedeutet. Damit ist aber keine Passivität, also keine Enthaltung von Aktivität gemeint, sondern ein Sich-Enthalten von einem Tun, das nicht mit dem Lebensprozeß harmonisiert, das dem Leben entgegensteht. „Wu wei“ ist also eine Enthaltung von gegen das Leben gerichtetem Handeln. Wer sich jedes naturwidrigen Han­delns enthält, ist in Harmonie mit dem TAO. In diesem Sinne gilt das Paradox: „Durch Nichttun wird alles getan!“

Es ist lohnenswert, einmal in die Heilige Schrift zu schauen, wie es da dem Menschen mit seinem Tun ergeht. Im Gleichnis vom Reichtum und der Nachfolge, bekannter als Gleich­nis vom reichen Jüngling (bei Mk 10,17-31 ist es ein Mann, bei Mt 19,16-30 ein junger Mann, bei Lk 18,18-30 einer der führenden Män­ner) fragt einer: „Was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewin­nen?“ Wir kennen die Antwort: „Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen ... dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,17.21) Wir wissen auch, daß dieser Mann das nicht konnte. Selbst wenn er es gekonnt hätte, hätte er in der Nach­folge noch lernen müssen, daß das Ewige Leben ge­schenkt wird; denn es gilt: „Wenn ihr al­les getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind un­nütze Sklaven, wir haben nur unsere Schuldig­keit ge­tan.“ (Lk 17,10)

Der blinde Bartimäus (so wird er bei Mk 10,46-52 genannt, bei Mt 20,29-34 sind es zwei Blinde ohne Namen, bei Lk 18,35-43 ist es ein namenloser Blinder) ruft laut: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbar­men mit mir!“ (Mk 10,47) Darauf fragt Jesus: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10,51)

Was zu tun ist, hat Gott getan und tut es weiterhin: Er ist Schöp­fer und Erhalter dessen, was er geschaffen hat. An uns ist es mit­zuwirken. Nur in dem Sinn können wir fragen: „Was soll ich tun, wo kann ich mitwirken?“

Als die Volksmassen Johannes den Täufer fragten: „Was sol­len wir also tun?“, bekommt jeder zu hören, er solle tei­len und seine „Stan­despflichten“ erfüllen (Lk 3,10-14).

Als der Gefängniswärter, der sich wundert, daß Pau­lus und Silas nicht aus dem durch Erdbeben zer­störten Gefängnis entflohen sind, Paulus fragt: „Was muß ich tun, um gerettet zu werden?“, antwortet dieser ihm: „Glaube an Jesus, den Herrn.“ (Apg 16,30)

Der Glaube an Gott ist zu „tun“, nicht mehr und nicht we­niger, und das ist schwer genug. Solcher Glaube bedeutet, das Richtige zu tun, und versetzt dann auch Berge (Mk 11,23; Mt 17,20; 21,21).

An zwei Heilungsgeschichten wird sehr deutlich, was unser Tun im Zusammenhang mit Gottes Tun bedeutet:
Da ist der Mann, der 38 Jahre lang krank ist (Joh 5,1ff). Er sagt zu Je­sus: „Ich habe kei­nen Menschen.“ Wir sind in der Regel entrüstet, daß in den 38 Jah­ren keiner angepackt hat, um ihn ins Wasser zu schleppen. Es liegt aber nicht nur an den Mitmenschen. Vielmehr liegt der Verdacht nahe, daß der Kranke sich gut eingerichtet hat in seiner Krankheit und gar nichts anderes will.
Wer wirklich gesund werden will, findet die Hilfe, die er braucht. Das wird bei dem Gelähmten deutlich, der vier Männer findet, die ihn auf einer Bahre zu Jesus tragen und dann bei dem Gedränge einen sonderbaren Weg zu Jesus finden, einen Weg, der bei un­serer Bauweise der Häuser nicht möglich wäre: Sie lassen den Gelähmten durch das abgedeckte Dach vor Jesus herunter. Wenn sonst bei Heilungen der Glaube der Kranken hilft, werden hier auch die Träger mit einbezogen. Es heißt ausdrücklich: „Als Je­sus ihren Glauben sah, ...“ (Mk 2,1-12; Mt 9,1-8; Lk 5,17-26)

Was können wir tun? Glauben und geschehen lassen und un­serem eige­nen Leben nicht im Wege stehen. In diesem Sinne heißt Glauben dann auch: Mitwirken mit der Gnade und dem Tun Gottes. Ignatius von Loyola (1491-1556) hat das etwa wie folgt formuliert: „Handle so, als hinge alles von dir ab, aber hoffe so, als hinge alles von Gott ab!“

Hilfreich mag auch das dem amerikanischen Theologen, Philosophen und Politikwissenschaftler Reinhold Niebur (1892-1971) zuge­schriebene „Gelassenheitsgebet“ sein:
„Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzuneh­men, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich än­dern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu un­terscheiden.“