11.8.2021

Midas verwandelt seine Tochter versehentlich in Gold (Walter Crane, 1893)

 

Heiliges Fasten – Heilloses Fressen (12)

Ich bin ein Korn in der Tasche eines Bettlers

Das goldene Reiskorn

Rabindranath Tagore (1861-1941):
„Ich ging als Bettler von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang. Da erschien in der Ferne ein goldener Wagen wie ein schimmernder Turm, und ich fragte mich, wer dieser König der Könige sei. Hoffnung stieg in mir auf: die schlimmen Tage schienen vorüber; ich erwartete Almosen, die geboten wurden. Der Wagen hielt an, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, und mit einem Lächeln stiegest du aus. Endlich fühlte ich mein Lebensglück kommen. Dann strecktest du plötzlich die rechte Hand aus und sagtest: „Was hast du mir zu schenken?“ Welch königlicher Scherz war das, bei einem Bettler zu betteln! Ich war verlegen, stand unentschlossen da, nahm schließlich aus meinem Beutel ein winziges Reiskorn und gab es dir. Doch wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend meinen Beutel umdrehte und zwischen dem wertlosen Plunder das kleine Korn wiederfand, zu Gold verwandelt. Da habe ich bitterlich geweint, und es tat mir leid, daß ich nicht den Mut gefunden hatte, dir mein Alles zu geben.“
Aus „Das goldene Reiskorn“, Eine Anthologie. Hyperion Verlag Freiburg 1961

König Midas, so erzählen alte Mythen, wünschte sich, daß sich alles, was er berühre, in Gold verwandle. Aber daraufhin konnte er weder essen noch trinken; denn Gold löscht weder den Durst noch stillt es den Hunger. Er entrann dem Tod nur dadurch, daß die Götter ihm die Möglichkeit gaben, im Fluß Paktolos zu baden. Seitdem führt der Fluß Gold mit sich.

Möchte ich zu Gold verwandelt werden, damit die Menschen zu mir sagen: „Du bist ein Goldstück!“?
Wäre das sehr schön, für denjenigen, der mich besitzt?
Aber was wäre dann mit all dem, wozu ich bestimmt bin?