29.7.2021

Heiliges Fasten – Heilloses Fressen (3)

Essen

Jesus hatte in der Wüste vierzig Tage gefastet: „Als die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger.“ (Lk 4,2) Der Teufel wollte ihn verführen, aus Steinen Brot zu machen. Aber Jesus wies den Versucher zurück: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot.“ (Lk 4,4)

Und doch gehört Brot mit zu unserem wichtigsten Besitz. Im Vaterunser beten wir um das tägliche Brot.  Um uns zu ernähren, müssen wir in dieser Welt durch Arbeit Geld verdienen. Die Versuchung besteht darin, so sehr auf Besitz- und Broterwerb erpicht zu sein, daß wir da­durch innerlich ausgehöhlt und leer werden. Aber kein Besitz nützt etwas, wenn nichts Eß­bares vorhanden ist. Geld kann man nicht es­sen!

Jeder, der etwas ißt, trägt dazu bei, daß an­dere darunter leiden. Viele Vegetarier begründen ihre Lebensweise damit, das Leben der Tiere zu achten; aber ist das Leben der Pflanzen dieser Achtung nicht ebenso würdig? Daß wir von und durch andere leben, müssen wir in Demut anerkennen; dazu braucht es wohl eine bestimmte Rechtfertigung, die darin be­steht, das Aufgenommene in menschliche Sub­stanz zu verwandeln. Wer das nicht tut, dem „liegt es schwer im Magen“, dem bleibt es un­bekömmlich, ganz gleich um welche Art von Materie es sich handelt. Das Gericht, das wir essen, wird uns gleichzeitig zum Gericht.

Es ist nicht unwichtig, was wir essen; aber es ist vor allem wichtig, wie wir essen, das heißt in welcher Gesinnung, in welchem Be­wußtsein. Jesus sagte seinen Jüngern, es schade ihnen nicht, tödliches Gift zu trinken (vgl. Mk 16,18). Wer eine hohe Bewußtseinsstufe erreicht hat, ist ein wirklich geistlich-geistiger Mensch und hat die Kraft, Unbekömmliches sofort abzusondern oder aufzulösen.

Beim Tier sprechen wir vom „Fressen“ gegenüber dem „Essen“ beim Menschen. Aber auch Menschen können fressen, wenn sie nicht bewußt essen, wenn sie die Zeit zwischen Wahrnehmung der Nahrung und deren Aufnahme zu sehr verkürzen. Der Mensch kann aber nicht nur warten, sondern auch ganz auf Nahrungsaufnahme verzichten. Das Warten füllt er zum Beispiel mit einem Tischgebet, das Verzichten gereicht ihm im Fasten zum Heil.

Das Tischgebet erinnert an die geistige Be­deutung der materiellen Nahrungsaufnahme. Wir danken dem Geber aller Gaben für die Speise und für den Trank. Wir sollten nichts in den Mund nehmen, ohne es ganz bewußt wahrzuneh­men. Gedankenlose Nahrungsaufnahme vermittelt keinen Genuß, und bloßer Gaumenkitzel ist nur eine Ersatzbefriedigung. Geistige Hinwendung und Genießen einer Speise sollten sich ergän­zen. Essen kann Lust und Last zugleich sein. Die höchste Form menschlicher Nahrungsaufnah­me für Christen ist die Kommunion beim Hei­ligen Opfermahl.