28.6.2019

Herz-Jesu-Fest

Wenn viele Teile ein Ganzes bilden wollen, müssen sie bezogen sein auf eine Mitte. Beim Menschen ist diese das Herz. Es ver­bindet alle isolierten Körperteile und macht daraus ein lebendi­ges Ganzes. Diese Mitte ist zwar nicht ganz identisch mit dem organischen Her­zen, wird aber durchaus damit in Einklang gesehen. Wenn ein Kind an­fängt „Ich“ zu sagen, zeigt es mit seinem Finger in Richtung seines Herzens. Zwischen Kopfmitte und Erdmitte im Bauch/Hara liegt die Herzmitte.

Zwei Menschen führen einen Dialog. Dieser findet im Zwi­schen statt, im Zwischen von Herzen.

Röntgenaufnahme, Elektrokardiogramm, Herzopera­tion, Herz­verpflanzung, ja sogar das Ersetzen des Herzens durch eine technische Pumpe – sei es als Plastik­herz im Brustkorb oder als Herzpumpe außerhalb des Leibes – haben das Herz zum bloßen Muskel „degradiert“. Die Möglichkeit, durch eine Herz-Lungen-Maschine das Herz vorübergehend stillzulegen, macht es immer schwieriger, sich die Seele und das Zentrum des Lebens in einem ruhenden Herzen vorzustellen. Außerdem ist das ent­scheidende medizi­nische Existenzkriterium nicht mehr das Herz, sondern das Gehirn (s. Menschsein zwischen Anfang und Ende).

Aber der Symbolik des Herzens kann all das nichts anhaben, noch immer glauben die Menschen an die geheime Kraft des Herzens.

Die Menschen unserer Brei­ten verwenden kaum ein Wort häufiger und in so vielen Verbindungen wie das Wort „Herz“.

Das Herz gilt als die Summe der Gefühle, die Menschen auf fried­liche Weise zu Paaren werden läßt: Sympathie, Sehnsucht, Zärtlich­keit, Treue, Leidenschaft, geistiges Interesse und sinnliches Ver­langen, kurzum Liebe.

Auch die Dichter unserer Tage verwenden die Herzsymbolik, das ur­alte Zeichen der Liebe, wie zum Beispiel Ulla Hahn mit ihrem Gedicht­band „Herz über Kopf“ oder Leonhard Frank mit seiner mit einem politischen Bekenntnis verbundenen Autobiographie „Links, wo das Herz ist“.

Das Pfeil-Herz-Symbol deutet an, daß Liebe innigste Ver­einigung be­wirkt, aber zugleich auch „Leiden schafft“, eine Passion zur Folge hat. Im Symbol des Pfeilherzens überla­gern sich viele Bedeutungsschich­ten. Primär weist es auf die Vereinigung des Männlichen (Pfeil) und des Weiblichen (Herz) hin.

Verzückung der Theresia von Avila nach Giovanni Lorenzo Bernini

Der Pfeil ist mit seiner Streckung In­begriff des Männlichen, das Herz als umrundende und geschwungene Linie um eine leere Mitte symbolisiert das Weibliche. Dem Herzen als dem Symbol des Wartenden, Duldenden und Umfangenden steht der durchdringende Pfeil als Symbol des Ziel­gerichteten und Angreifenden gegenüber. Beide stellen äußer­ste Gegensätze dar und sind zugleich aufein­ander bezogen.

Eine andere Bedeutungsebene stellt sich dar als le­bendiger Pro­zeß der Vereinigung, als innige Ver­schmelzung; Kon­sequenz ist der Blutstropfen, der aus der durch den Pfeil verur­sachten Wunde hervorquillt. Dieses Blut ist nicht nur Folge des Leidens, sondern auch der aus der Vereinigung geborene, Zukunft stiftende Same.

„Arglistig ohne gleichen ist das Herz und unverbesser­lich. Wer kann es ergründen?“, fragt Jesaia. (17,9) Er be­kommt zur Ant­wort: „Ich der Herr, erforsche das Herz.“ (17,10)

Macht uns das Angst? Oder können wir sagen und singen wie in der Antiphon zu Psalm 139: „Herr, du kennst mein Herz, bei dir bin ich geborgen“?

Auch der Kosmos ist nicht seelenlos zusammengewürfelt, er hat eine Mitte in Gott. Und Gott hat ein Herz.

Kurt Marti erzählt:
Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, sag­ten sie zu dem Engel mit dem Flammenschwert: „Wir weichen der Gewalt; du hast ein Schwert, wir haben keines!“ Als Gott das hörte, erschrak er. Als erstes begann er, die Engel zu entwaffnen; dann entwaffnete er sich; schließ­lich ließ er sich die Lanze in die Seite stoßen.“

Hier ist der Ansatz zu suchen für eine Herz-Jesu-Vereh­rung, die um so notwendi­ger wurde, als der Jansenismus mit seiner Strenge die Menschen äng­stigte. Johannes Eudes (1601-1680) und Margareta Maria Alacoque (1647-1690) setzten sich besonders für die Herz-Jesu-Verehrung ein. Diese zeigt sich noch im ursprünglichen Habit folgender Orden:

Der Gründer der Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu (MSC) Jules Chevalier trug ursprünglich ein weißes Gewand mit einem flammenden roten Herzen.

Die Arnsteiner Patres – Patres von dem Heiligsten Herzen Jesu und Mariä und der ewigen Anbetung des Allerheilig­sten Altarsakramen­tes – (SSCC) trugen früher auf ihrem Habit eine farbige Dornen­krone mit zwei Herzen.

Die Schwestern Unserer Frau von der Liebe des Guten Hir­ten trugen ein silbernes Herz und haben noch ein eigenes Herz-Jesu-Fest.

1856 wird das heutige Fest auf die ganze Kirche ausge­dehnt.

1900 Weihe der Welt durch Leo XIII, 1928 Enzyklika „Miserentissi­mus Redemptor – Erbarmungsvollster Erlöser“, 1956 Enzyklika „Haurietis aquas – Ihr werdet Wasser schöpfen“. Das Wesen der Herz-Jesu-Verehrung besteht in der Hinwen­dung zum Gott der Liebe. Das durchbohrte Herz ist die Pforte, aus der das erlö­sende Pneuma über die Menschen fließt, aus der die Sakra­mente geboren werden.

Das Herz bietet eine Ebene für den Dialog von Gott zu Mensch und von Mensch zu Mensch.

Wie aber sieht ein Dialog aus mit herzlosen Menschen, mit Menschen mit versteinertem Herzen?

Bitten wir um ein neues Herz, das sich öffnet und preisgibt!