17.12.2018

Hören

Horcht auf, hört meine Stimme, gebt acht, hört auf mein Wort! (Jesaia 28,23)

Nach dem Auge ist unser Ohr das Sinnesorgan, mit dem wir weit zum Außen vordringen können. Bei entsprechender Lautstärke vermögen wir mit dem Ohr noch Töne zu vernehmen, die mehrere Kilometer weit entfernt sind. Während das Auge nur die Oberfläche der Dinge wahrnimmt, erschließt sich dem Ohr deren tönendes Innen. Mit dem Auge betrachten wir nur das Äußere eines Menschen, wenn wir ihn aber sprechen hören, offenbart sich uns im Klang der Stimme und im Inhalt der Worte sein Inneres. Das Ohr reicht gleichsam tiefer als das Auge. Selbst im Schlaf, wenn das Auge geschlossen ist, bleibt das Ohr offen und vernimmt Geräusche. Eine Mutter wacht vom leisen Weinen ihres Säuglings auf, während sie das Vorbeifahren eines Lastwagens nicht hört. Das Ohr der Mutter ist in Liebe auf ihr Kind ausgerichtet, und so nimmt es die leisesten Regungen wahr. Aber auch das Kind hat seine Ohren auf die Mutter gerichtet. Laut wissenschaftlicher Untersuchungen nimmt das Ungeborene etwa ab der 25. Schwangerschaftswoche Töne von außen war und erkennt den Klang und die Melodie der mütterlichen Stimme. Bereits kurz nach seiner Geburt unterscheidet das Neugeborene die Stimme seiner Mutter eindeutig von anderen.

Erst durch das Hören lernt das Kind sprechen. Deswegen sind von Geburt an taube Kinder auch gleichzeitig stumm. Das Kind muß angesprochen werden, damit es sich entwickeln kann. Der Begriff Muttersprache bringt zum Ausdruck, daß die Mutter als Erste mit dem Säugling spricht und er deren Sprache übernimmt. Während wir heutzutage nicht selten das richtige Sehen verlernt haben, haben die Menschen schon vor langer Zeit das rechte Hören verlernt. Dazu hat nicht zuletzt auch die Entwicklung des Schreibens beigetragen. Vor der Erfindung der Schrift vor ca. 6000 Jahren hat der Mensch Mitteilungen anderer Personen nur gehört. Ursprünglich wurde das Geschriebene auch noch laut oder zumindest halblaut gelesen. Auch die Evangelien haben ihren Ursprung im Gehörten; denn Jesus hat nichts aufgeschrieben, sondern nur gepredigt.

Im Vorraum der Pax Christi Kirche in Essen-Billebrinkhöhe ist die von Toni Zenz geschaffene Statue des Hörenden aufgestellt. Seine Ohren sind übergroß und die Ohrmuscheln sind noch erweitert durch die an sie gelegten Hände. Wer die Kirche betritt und vor Gott steht, soll in besonderer Weise ein Hörender sein. Denn oft spricht Gott nur in der Stille, und da muß der Mensch ganz Ohr sein. Aber nicht nur in der Kirche hören wir von Gott. Auch die uns umgebende Wirklichkeit spricht von ihm. Wir müssen ihr nur lauschen.

Kein Organ macht deutlicher, daß der Mensch in Beziehungen lebt, als das Ohr. Die Ohren vermitteln eine Beziehung von Geist zu Geist. Das aus dem Geist Kommende formt das Tönende zum Wort. Nur ein geistiges Wesen kann sprechen. Wie beruhigend kann die Stimme eines Menschen wirken, besonders wenn sie uns unverfälscht erreicht. Es ist ein großer Unterschied, ob uns ein Mensch direkt persönlich als unser Gegenüber anspricht oder ob seine Stimme aus dem Lautsprecher ertönt. Für mich ist ein Telefongespräch immer ein Notbehelf. Ich möchte meinen Gesprächspartner in unmittelbarer Anwesenheit vernehmen.

Wem leihen wir heute unser Ohr? Der Begriff „gehorchen“ kommt von „horchen, hören“. Beten wir mit Samuel: „Rede, Herr, dein Diener hört.“ (1 Sam 3,9f.)

Kurt Rommel
Herr, gib uns Mut zum Hören auf das, was du uns sagst. Wir danken dir, daß du es mit uns wagst.