20.7.2021

Holz des Baumes

In einer Erweiterung der Legende, nach der Krippe und Kreuz Jesu aus demselben Baumstamm gefertigt sein sollen, heißt es, auch der Abendmahlstisch stamme von diesem Holz. In den Gestalten von Brot und Wein vollzieht Jesus das, was er mit seinem Fleisch und Blut für uns am Kreuz getan hat: Er schenkt uns sein Leben und bewahrt uns vor dem ewigen Tod.

Nirgends ist die Ambivalenz des Baumsymboles so augenfällig wie am Kreuz Christi. Es ist zugleich Todesholz und Lebensbaum. Nach Vorstellung der Christen steht es auf Adams Grab. Auf mittelalterlichen Landkarten war Jerusalem der Mittelpunkt der Welt. Auf Golgatha ragt das Kreuz zum Himmel und umfaßt so den gesamten Kosmos. Das lebenspendende Kreuz schenkt die Erlösung und wird zum neuen Lebensbaum.

Aus dem Holz des Baumes zimmert man nicht nur Wiegen, sondern auch Särge. Durch den Tod Jesu wird der Baum zum Symbol der Auferstehung und des ewigen Lebens. Jesus selbst ist aus seinem Grab erstanden. Wir beerdigen unsere Toten in der Hoffnung, daß sie zum ewigen Leben auferstehen. Diese Hoffnung haben wir Christen seit dem ersten Ostermorgen auch für uns selbst.

Von den Palmzweigen des Vorjahres erhalten wir durch Verbrennen die Asche für das Aschenkreuz. In Ländern, wo Ölbäume wachsen, verwendet man dazu Zweige dieser knorrigen Bäume. Verbrennen ist ein Akt der Verwandlung. Asche ist das, was bleibt, wenn alles Vergängliche durch das Feuer geläutert ist. Das Aschenkreuz soll uns nicht nur an unsere Vergänglichkeit erinnern, sondern auch an das, was bleibt, wenn wir in der Liebe Gottes geläutert sind. Der Baum im Rhythmus der Jahreszeiten ist Ausdruck von Beständigkeit in allem Wechsel. In den Gezeiten unseres Lebens ist uns seine Beständigkeit und Wandlung im Wechsel der Jahreszeiten ein hilfreiches Beispiel und zugleich Symbol für Beharrlichkeit, Wachstum und Reichtum wirklich gelebten Lebens.

Jahrhundertelang galt der Baum dem Menschen als schützend und nährend, als Spender des wichtigsten Rohstoffes überhaupt. Er repräsentierte die Große Mutter, aus der alles Lebendige entspringt und in die alles Leben wieder einmündet, er verkörperte den Rhythmus des Werdens und Vergehens im Jahres- und Lebenslauf. Wir müßten nicht nur den Baum als Bedingung unserer physischen Existenz wiederentdecken, sondern über ihn die Natur in uns selbst: Eingespannt zwischen Himmel und Erde, Wurzelkräfte aus der Erde ziehend, abhängig vom Austausch mit Wasser, Luft und Licht.

Wir Menschen und auch die Tiere sind Parasiten. Die Pflanzen können ohne uns leben, wir aber nicht ohne sie. Alle Nahrung, die wir essen, hat zuvor bereits als Pflanze gelebt. Holz, Kohle, Erdöl und Erdgas, alles stammt von Bäumen, von lebenden oder toten. Bäume bedeuten Leben für die Erde, heute und allezeit. Wenn sie sterben, sterben auch wir. Sich um die Bäume zu sorgen, heißt folglich, sich um das Leben selbst zu sorgen.