14.6.2022

Ich verdanke meinen Lebensweg der Jugendbewegung

 

 

 

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht und kann die Zukunft nicht gestalten.“ (August Bebel 1840-1913)

 

 

 

 

 

Wie ich mit meinem Vater-Sohn-Problem fertig wurde

Einen wirklichen Vater habe ich in meinen ersten drei Lebensjahren erlebt, bevor er 1939 Soldat wurde. Diese Zeit kann ich nur durch Fotos rekonstruieren und durch Begebenheiten, die ich von meiner Mutter erfahren habe.

 

In den Jahren danach kam mein Vater nur auf Urlaub nach Hause und war für mich ein Fremder. Einmal muß ich wohl, weil ich, als mein Vater nach Hause gekommen war, nicht neben meiner Mutter schlafen durfte, gefragt haben: „Wer ist dieser fremde Mann?“ Das führte zu einer mächtigen Tracht Prügel.

Als mein Vater 1940 in Rußland starb, war ich vaterlos. Meine Mutter heiratete nach dem Krieg noch einmal, aber mein Stiefvater war ein Antivater für mich mit entsprechenden Folgen. Meine Fähigkeiten waren blockiert und blühten erst wieder nach meinem Auszug aus der Familie auf.

 

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Das Vater-Sohn-Problem hat man in der Psychologie erst spät thematisiert. Sigmund Freud (1856-1939) hatte 1896 seinen Vater verloren. Er vollzog von 1895 bis 1898 eine Selbstanalyse, wodurch sich ihm der sogenannte Ödipuskomplex erschloß. Er formulierte, die Verliebtheit in die eigene Mutter und die Eifersucht auf den Vater habe er auch bei sich selbst gefunden und halte sie für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit.

Damals entdeckte man die Bedeutung des Vaters während der ersten zwei Lebensjahre. In der Regel lacht das Kleinkind den Vater erst später an als die Mutter. Es erkennt die Stimme der Mutter am besten wieder und bevorzugt sie gegenüber der des Vaters und der anderer Männer. Danach zeigt das Kind Interesse an allem, was anders ist als bei der Mutter.

Die Trennung des Kindes von der Mutter vollzieht sich in mehreren Phasen. Die erste Abnabelung findet statt, wenn das Kind in die Schule kommt.

Die nächste Phase folgt in der Pubertät. Das Kind macht seine ersten Ausbruchsversuche.

In der dritten Phase verlassen die Kinder das Elternhaus, wodurch dann auch die körperliche Trennung vollzogen ist. In der Coronazeit kamen sie nicht selten wieder in ihr Elternhaus zurück, weil sie zum Beispiel als Studenten kein Geld mehr für eine Unterkunft in der Universitätsstadt verdienen konnten.

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Als Junge erlebte ich nach dem Krieg noch den Ausklang der Jugendbewegung. Meine Teilnahme an einer Jugendgruppe war für mich eine große Hilfe, zu Hause zu „überleben“. Die größte Strafe, die mein Stiefvater mir auferlegen konnte, war, mir zu verbieten, zur Gruppenstunde zu gehen.

Mit 15 Jahren fand ich einen Weg, von zu Hause fortzugehen. Da ich Priester werden wollte, war meine Mutter einverstanden. Siehe Was ist für mich Freiheit?

Meine Geschwister, die zu Hause geblieben sind, tragen zeitlebens eine schwere Last mit sich auf der Suche nach einer Vaterfigur.

Meine Mutter hat mir erzählt, meine Geburt sei sehr schwer gewesen, es habe ungefähr 10 Stunden gedauert, bis ich durch den Geburtskanal ins Freie gelangt sei. Das erste Einatmen ist ein vielfältiges Geschehen. Der Säugling muß sich seine Nahrung selbst suchen und einfordern. Vermutlich haben mich diese ersten Vorgänge in meinem Leben sowie viele weitere, die ich ohne fremde Hilfe allein bewältigen mußte, so stark gemacht, daß ich trotz mancher Widerstände zu dem Punkt gelangt bin, an dem ich mich jetzt befinde. Ich vertraue darauf, daß ich auch mein letztes Ausatmen ohne fremden Eingriff durch lebensverlängernde Maßnahmen machen darf, wenn die Schleier fallen und ich das Einssein mit dem ALLEINEN nicht nur glauben, sondern erleben darf.

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Für die Herausgabe der Lebens-Chronik zu Karl Leisner habe ich mich unter anderem auch intensiv mit der Jugendbewegung beschäftigt, die Karl Leisner sehr geprägt hat. Im Oktober 1913 verkündete die Jugend auf dem Hohen Meißner ihren Anspruch, „sich selbst ihr Leben zu gestalten – unabhängig von den trägen Gewohnheiten der Alten und von den Geboten einer häßlichen Konvention“. Der Aufstand der Söhne, deren Väter als Beamte und als selbständige Unternehmer dem gehobenen Bürgertum angehörten, bediente sich der Sprache Schillerscher Helden, und die Jungen suchten als „Wandervögel“ auf ihren Fahrten eine neue Gesellschaftsordnung.
Siehe Beginn der Jugendbewegung vor 100 Jahren.

Dieses jugendliche Rebellentum ist keine neuzeitliche Erscheinung. Zu allen Zeiten hat es so etwas gegeben. Die Gründe, die junge Leute veranlassen, aufmüpfig zu werden, waren allerdings von ihrer Umwelt abhängig. Diese Rebellionen sind nicht ohne bestimmte wirtschaftliche, gesellschaftliche und familiäre Voraussetzungen denkbar.

Kinder werden heute nicht mehr unbedingt schicksalhaft angenommen. In der Regel sind sie gewünscht und geplant. Nicht immer erfüllen sie die Erwartungen ihrer Eltern, sondern verändern diese sogar derart, daß sie dadurch den Anschluß an die neue Zeit finden.

Es ist mir bewußt, wie wichtig die Jugendbewegung für mich war. Bischof Heinrich Tenhumberg (1915-1979) sah in mir unter anderem auch die Fähigkeit, Diözesanjugendseelsorger zu werden, was ich aber nur im Gehorsam getan hätte. So sollte ich etwas später Spiritual werden, eine Aufgabe, die ich auch heute wieder in Vollzeit erfülle.

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Jugendbewegung

Die aus dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts aus­brechende Jugend machte Front gegen das gesell­schaftliche Kastendenken und den Materialismus ihrer Väter. Unter preußischer Füh­rung war Deutschland bis in die Beamten­schaft uniformiert, das Militär gab den Ton an, und der Mensch be­gann so recht erst beim Offizier. Entsprechend war das Leben in den Marianischen Kongre­gationen und Jünglings- und Jungfrauenvereinen. Den ersten Schritt in eine neue Gesellschaftsordnung wagten die Wandervö­gel. Man ver­traute mehr auf das Wachsen der Bewegung als auf Organi­sation und klare Ziele.
[1] Seeger, Hans-Karl / Latzel, Gabriele (Hgg.): Karl Leisner. Tagebücher und Briefe – Eine Lebens-Chronik, Kevelaer: Butzon & Bercker 2014: 2797

Christoph Kösters:
Diese Jugendbewegung, gekennzeichnet durch Fahrt und Gruppe, Kluft und La­gerfeuer, eigenes Liedgut und eigene Grußformeln, enthielt Momen­­te des Pro­te­sts und der Gegenkultur gegen die standardisierte Nor­menwelt und ihre Me­chanismen. [2]
Der Wandervogel war die erste Gruppenbildung in der deutschen Ju­gend­bewegung und entstand 1896 aus einer Schülerwandergruppe am Ber­lin-Steglitzer Gymnasium. Eine wichtige Person war Karl Fischer, der Erste Vorsitzende des 1897 gegründeten Stenographenvereins am Steglit­zer Gym­nasium.
Die Bewegung erstreckte sich über ganz Deutschland und die deutsch­spra­chigen Nachbarländer. Der „Wandervogel“ bildete einen eigenen Le­bens­­­­­­­stil aus mit Volkstanz, Volkslied, Volksmusik, Führerauslese, beson­derer Kleidung, Lagerleben und Wanderfahrten. Er strebte Selbsterziehung und Lebens­gestaltung in den jugendlichen Gemeinschaften an. Völlig neu war es, das Gruppenleben ohne Er­wach­sene zu gestalten und Ju­gend durch Jugend zu füh­ren.
1907 kamen in Jena und Heidelberg ei­gene Mädchen­gruppen hinzu, die allerdings nicht mit den Jungen gemeinsam tag­ten oder auf Fahrt gin­gen. Die Jugendbewegung befreite die Frau von mo­disch ein­engenden Zwängen.
[2] Kösters, Christoph: Katholische Verbände und moderne Gesellschaft. Organisationsgeschichte und Vereins­kultur im Bistum Münster 1918 bis 1945, Paderborn 1995: 64