12. Sonntag im Jahreskreis C (23.6.2019)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Sach 12,10-11;13,1
Zweite Lesung: Gal 3,26-29
Evangelium: Lk 9,18-24

Am Anfang unserer Existenz erleben wir die Einheit mit der Mutter. Das ist uns zwar nicht bewußt, aber als Sehnsucht lebt sie in uns, als Sehnsucht nach Einswerden und nach Verschmelzung. Gleichzeitig bewegt uns jedoch eine ständige Angst vor Auflösung, vor Verlust unserer Individualität und Identität.

In unserem Leben gibt es das Eine und das Andere, das Sowohl - Als-auch. Es gibt Freie und Unfreie, Frau und Mann, Höhen und Tiefen und vieles mehr. Wichtig ist, daß nicht eines von beiden abgewertet wird, damit aus der Polarität kein Dualismus wird. Nur dann werden zum Beispiel aus Gegnern keine Feinde und wird das, was in Spannungseinheit zusammengehört, nicht getrennt.

Jesus hat diese Trennwand aufgehoben, wie es im Epheserbrief heißt. Jesus ermöglicht das gemeinsame Dritte, die Versöhnung der Gegensätze.

Das tägliche Kreuz, von dem das Evangelium spricht, spüren die alten Menschen und die Kranken unter uns vermutlich in ihren jeweiligen Beschwerden. Für mich persönlich ist es das Ausgespanntsein zwischen den Gegensätzen, das Hin- und hergerissensein zwischen dem Sowohl - Als-auch.

Paulus schreibt den Christen in Philippi:
Ich sage das nicht, weil ich etwa Mangel habe. Denn ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Übermaß leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluß und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt. (Phil 4,11-13)

Theresa von Avila bittet:
Gib mir den Tod - gib mir das Leben!
Gesundheit oder Siechtum gib!
Ehre und Schmach sind mir gleich lieb.
Begehrst du, daß ich müßig bliebe,
dann ruhe ich, der Muße froh.
Soll ich hart schaffen, dir zuliebe,
bis hin zum Tode schaff' ich so.

Eduard Mörike betet:
Herr, schicke, was du willst,
ein Liebes oder Leides;
ich bin vergnügt, daß beides
aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden.