Impuls zum 21. Sonntag im Jahreskreis A (23.8.2020)

Gesucht wird Jesus

Schriftstellen:
Erste Lesung: Jes 56,1.6-7
Zweite Lesung: Röm 11,13-15.29-32
Evangelium: Mt 15,21-28

Wir haben im heutigen Evangelium nicht nur einen Bericht gehört, wie wir ihn auch in der Zeitung hätten lesen können; denn wenn das Evangelium die frohe Botschaft verkündet, dann ereignet sich das Mitgeteilte.

So ist Jesus jetzt unter uns und fragt Sie und mich wie seine Jünger damals: „Für wen hältst Du mich?“

1972 fand in Xanten ein Jugendtag statt unter dem Motto „Gesucht wird Jesus“. Was wir Priester kaum zu fragen wagten, fragten uns die Jesus-People[1], die damals sehr aktiv waren. Ich hatte sie als Regionalvikar zuvor in Essen erlebt und eine ihrer Gemeinschaften, die Gruppe 91, in Beihingen/Kreis Calw besucht und sie nach Xanten eingeladen.

Sie fragten ganz ungeniert:
„Kennst Du Jesus?
Bist Du ihm begegnet?
Liebst Du ihn?
Hast Du ihn in Dein Herz aufgenommen?“

Ich habe damals etwas gezögert, als man mich das fragte; denn man wollte nicht nur ein „Ja“ hören, sondern erwartete auch die Auskunft, wie und wo sich das in unserem Leben zeige.

Wir mögen das wohl in Worten bekennen, vielleicht sogar uns sozial engagieren, aber tun das nicht auch die Humanisten, ja sogar die Atheisten? Ob echte Gläubigkeit nicht eine Ausstrahlung hat, die tiefer wirkt als nur Humanität?

Ältere Menschen haben noch den Katechismus gelernt und können vielleicht noch die Frage beantworten „Wozu sind wir auf Erden?“ Es ist bedauerlich, daß Jüngere kaum noch über Glaubenswissen verfügen.

Die Jesus-People wollten den Glauben erleben und erfahren, sozusagen als Erlebniskultur. Schon Karl Rahner(1904-1984), der kluge Antworten auf die Frage, wer dieser Jesus sei, gegeben hat, formulierte bereits 1966: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

In einer Zeit, in der wir so satt sind wie heute, ist es sehr schwer, Gaubenserfahrungen zu machen; denn das Irdische liegt so dicht auf unserem Leben, daß der Durchbruch zur Transzendenz sehr mühevoll ist. Askese war und sollte keine Weltverachtung sein, sondern helfen, das Göttliche in unserem Leben aufleuchten zu lassen. Aber unsere Augen sind gehalten.

Unser physisches Wohlergehen hat unseren Hunger, unsere Sehnsucht nach dem Himmlischen erstickt. Ich möchte gerne wie Karl Leisner (1915-1945) sagen können: „Christus – Du bist meine Leidenschaft!“ Wie inhaltsreich bringt dieses Anliegen die heutige Tagesoration zum Ausdruck:

„Gott, unser Herr, du verbindest alle, die an dich glauben, zum gemeinsamen Streben. Gib, daß wir lieben, was du befiehlst, und ersehnen, was du uns verheißen hast, damit in der Unbeständigkeit dieses Lebens unsere Herzen dort verankert seien, wo die wahren Freuden sind.“

Wie leicht ist es zum Beispiel Jesu Worte „Wo dein Schatz, da ist dein Herz! (Mt 6,21) Suchet zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben. (Mt 6,33) Dein Wille geschehe!“ (Mt 6,10) zu beherzigen, wenn wir lieben, was Gott befiehlt.

Für mich ist Karl Leisner, dessen Leben ich fast besser kenne als mein eigenes, ein Vorbild. Wie bereit war er, den schweren Weg zu gehen.

Besonders sympathisch ist mir, daß er gelegentlich Zweifel hatte. Auch Heilige sind Menschen. Aber er hat darum gerungen, Gott zu verstehen. Ich war des öfteren in seinem Sterbezimmer im Waldsanatorium Planegg, wo er als letzten Eintrag vor seinem Tod in sein Tagebuch schrieb: „Segne auch, Höchster, meine Feinde!“

„Mit Christus sterben und auferstehen!“ ist die kürzeste Formel des Christseins. Das Sterben gehört zum irdischen Leben. Was auf Erden lebt, stirbt auch. Wer wollte auch ewig leben auf dieser Erde? Die größte Probe unseres Glaubens an Christus, den Auferstandenen und unser größter Gehorsam liegt darin, zu akzeptieren, daß wir sterben müssen. Die meisten Menschen sterben an einer Krankheit und nicht mehr „alt und lebenssatt“ wie es im Alten Testament heißt (vgl. Gen 25,8). Letzteres wäre mein Wunsch. Wir feiern den Tod und die Auferstehung des Herrn. Möge uns dies in jeder Meßfeier zum Erlebnis werden!

[1] Street christiansJesus freaks, eine Erweckungsbewegung unter jungen Menschen; Ende der 1960er Jahre in den USA entstanden; die Gottesdienste waren ekstatisch geprägt, der erfolgreiche Kampf gegen Drogenabhängigkeit, das gläubige Bekenntnis zu Jesus, das Erkennungszeichen (der zum Himmel weisende Zeigefinger) und die gesellschaftskritische Haltung zeigen die Vielgestaltigkeit der Bewegung, der die Kirchen eine vielfach kritisch abwartende Haltung entgegenbrachten. (URL https://www.wissen.de/lexikon/jesus-people)

Xanten