8.1.2021

Ist das 21. Jahrhundert das Jahr der Spiritualität?

Seitdem das Christentum existiert, herrscht die Spannung, in dieser Welt zu leben und doch nicht von dieser Welt zu sein. Wir sollen diese Welt gestalten, leben aber auf eine andere zu. Das Christentum sollte nie ganz verweltlichen.

Unsere Zeit ist gekennzeichnet von einer großen Sehnsucht nach Transzendenz. Welche Antwort gibt die Kirche darauf?

Millionen moderner, vor allem junger Menschen, entfliehen den Kirchen, um Gott und das Heilige, das sie dort nicht gefunden haben, endlich zu entdecken. Sie haben ein starkes Bedürfnis nach einer lebendigen Religion und sprechen lieber von Spiritualität. Der Begriff „Religion“ entspricht auf Grund seiner Zweckentfremdung durch die Kirchen zum eigenen Machterhalt oft in keiner Weise mehr den Erwartungen der Menschen. Nicht wenige spüren auch, daß die Religionen ein derartig undurchdringliches Gebäude aus Unnötigem vor das Eigentliche gestellt haben, daß es kaum noch möglich ist, stärker in deren wahre Tiefe vorzudringen.

Wo erleben die Menschen in den Gottesdiensten noch das Göttliche und die Transzendenz? Dort wird zwar der Glaube kundgetan, aber diese Verkündigung erreicht nur den Verstand. Die Erfahrung des Göttlichen ist eine mystische. Karl Rahner (1904-1984) hat bereits 1966 formuliert: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

Mystische Wege sind nicht auf bestimmte Religionen und Gottheiten spezialisiert, nicht auf Brahma, Krishna, Vishnu oder Shiva, nicht auf schamanische Gottheiten und auch nicht auf Allah. Die Menschen wollen die Erfahrung des Göttlichen.

Christus muß wieder mystisch erfahrbar werden. Aber das geschieht nicht von allein, sondern muß genauso intensiv erbetet und erarbeitet werden, wie es die Mönche im Mittelalter getan haben; vielleicht mit anderen Methoden, aber mit der gleichen Sehnsucht und Hingabe. Auf diese Weise könnten die christlichen Kirchen ein völlig anderes „Personal“ gewinnen. Es käme zu einer radikalen Umstellung.

Um Christus für die moderne Welt zu retten, müßte die Ausbildung und Bildung von Theologen, Priestern, Pfarrern, kirchlichen Mitarbeitern, was alles auch feminin mitzudenken ist, radikal umgestellt werden, fort von intellektuellen Lernfächern und hin zu zwei Bereichen, die in theologischen Fakultäten und Hochschulen nicht zu finden sind: therapeutische Arbeit und spirituelle Erfahrung. Therapeutisch nicht, um dies später selbst anzuwenden, sondern um sich selbst zu wandeln, zu wachsen und Bereiche in sich zu entwickeln, die die aktuelle theologische Ausbildung allenfalls streift. Der spirituelle Aspekt ist unabdingbar, um zur eigenen Erfahrung Gottes, des Göttlichen, des Numinosen, des Christus im eigenen Herzen zu gelangen. Eine solche mystische Schulung ist heute zwar verfügbar, wird aber nicht genügend genutzt.

Wer recht von Gott reden will, sollte zuerst mit ihm sprechen. Um eine neue Erfahrung von der Transzendenz, dem Göttlichen in uns selbst, zu machen, müssen wir eine neue Sprache lernen, die uns Gott in uns hören und verstehen läßt.

Träume sind zum Beispiel eine vergessene Sprache Gottes. „Pastoral am Puls“ aus Wiesbaden zeigte am 15. Dezember 2020 unter dem Titel „Virus – Sprachrohr Gottes“ am Beispiel von Corona auf, was Gott uns sagen will.

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