Ist der Mensch die Mitte von allem?

Wenn wir auf die Geschichte der Menschheit zurückschauen, müssen wir uns eingestehen, daß wir immer mehr die Illusion verlieren, die Mitte von allem zu sein. Wann auf dem Pfad der Evolution der Mensch zu Bewußtsein kam, wissen wir nicht. Aber damit begann eine typische Eigenschaft des Menschen, er ordnet alles um sein Ego herum an. Er steht im Mittelpunkt, und er bezieht alles auf sich. Das menschliche Selbsterkennen ist zugleich ein Selbstverkennen, nämlich die Annahme, alles Seiende kreise um ihn. Hierein bricht dann die Erkenntnis des Nikolaus Kopernikus (1473-1543), daß die Erde nicht der Mittelpunkt, sondern ein winziges Teilchen im fast unendlichen Kosmos ist. Charles Darwin (1809-1882) nimmt dem Menschen die Sonderstellung unter den irdischen Lebewesen, er schließt den Menschen in der Evolution unmittelbar an das Tierreich an. Dem Menschen bleibt der Trost des Denkens und der Willensfreiheit. Sigmund Freud (1856-1939) nimmt diese Illusion, indem er auf den dunklen Sumpf des Trieblebens aufmerksam macht, den der Mensch als Erbteil seiner tierischen Herkunft mit sich herumschleppt.

Das Leben des Menschen ist wie das Gehen über eine Insel, nachdem er zuvor im Weltenozean schwamm und anschließend wieder darin eintaucht. Das Leben auf der Insel dient dazu, sich selbst in allem und mit allem zu erfahren. Dieser Prozeß ist die Grundlage für jegliche menschliche Gemeinschaft.

Der Mensch lebt aber auch in Gemeinschaft mit der Schöpfung, vor allem in Gemeinschaft mit allem Lebenden. Er ist keine „Monade“, obwohl das Industriezeitalter das Individuum hervorgebracht hat, das vielfach auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschheitsfamilie verzichten muß. Neben der Gemeinschaft von Mutter und Kind vermittelt die eheliche Partnerschaft die stärkste menschliche Gemeinschaftserfahrung: In ihr vereinen sich Mann und Frau, um gemeinsam den Weg zu Gott zu beschreiten.

Ganz vergessen scheint die Tatsache, daß die Gemeinschaft der Menschen nicht nur aus den Lebenden besteht, sondern auch aus den Toten, die als Ahnen sehr gegenwärtig sind; denn wer stirbt, „wird zu den Vätern versammelt“. Weiterhin besteht sie auch aus denen, die noch geboren werden.

Sind wir wirklich die Krone der Schöpfung?