2.10.2021

„Jeden mit anderer Stimme ruft Gott (Hans Carossa)“

Vor Gott sind wir ein Original, so werden wir ge­bo­ren und sol­len wir sein. Aber verstehen wir seine Sprache?

Ich habe mir abgewöhnt, mir vorzustellen, wie Gott zu mir spricht. Die vielen Zufälle, die ich erlebe, sind für mich die Sprache Gottes. Aber, um diese wahrzunehmen, ist es wichtig, aufmerksam zu sein und nicht alles, was passiert, für selbstverständlich zu halten. Zu Tränen gerührt hat mich mein Erlebnis mit der Geschichte vom größten Narren.

Gott lebt in uns, und wir leben in ihm. Das erlebte ich offensichtlich bereits mit 14 Jahren, als ich diesen Eintrag in der Schule in mein Religionsheft machte. Aber wir erfahren Gott auch als Gegenüber. Wir sind nicht fähig, uns ein Bild vom großen ALLEINEN zu machen. In dem Gegenüberaspekt können wir mit Gott sprechen, wie zum Beispiel im Gebet. Aber auf SEINE Weise „spricht“ auch ER mit uns. Gott begegnet jedem Menschen, und zwar in je individueller Form und Beziehung.

Der Mönch David Steindl-Rast OSB (* 1926) hatte in seinem vierten oder fünften Lebensjahr ein Traumbild, das ihn sehr beschäftigt hat: „Ich gehe die steinerne Wendeltreppe vom alten Stock hinunter. Auf halber Höhe begegnet mir Jesus Christus, der von unten heraufkommt. Es sieht so aus wie auf dem Bild, das über dem Bett meiner Großmutter hängt. Wir begegnen uns aufeinander zu, aber anstatt einander vorbeizugehen, verschmelzen wir miteinander.“ David Steindl-Rast sagte dazu ihn einem Gespräch: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß es etwas ist, was ein Kind sich ausdenkt.“

Es gilt, die Stimme Gottes zu lernen und dann wahrzunehmen. Wir können Gott nicht sehen. Aber wir können ihn erleben. In der Geschichte vom Propheten Elija war Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer, sondern „nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln“. (1 Kön 19,12) Martin Buber (1878–1965) übersetzte diese Stelle mit: „Stimme verschwebenden Schweigens.“

Wir sollen uns kein Bild von Gott machen. Aber von Jesus gibt es eines. Nur ist das Christentum mit all seinen Konfessionen so zerfasert, daß kaum noch ein gemeinsames Bild von Jesus existiert.  Siehe  „Wieviel christliche Kirchen gibt es in Freiburg?“.