Johannes der Evangelist und Johannes der Täufer

Um die beiden Heiligen mit Namen Johannes zu vergleichen, greife ich eine Idee auf, die Richard Rohr (* 1943), ein deutschstämmiger Franziskanerpater aus den USA, in seinem Buch „Der wilde Mann, Geistliche Reden zur Männerbefreiung“ entwickelt hat.

Nach seiner Auffassung hat ein „wilder Mann“ zwei Reisen gemacht. Die erste Reise ist die Reise ins Weibliche, wo den Männern erlaubt ist, Gefühle zu zeigen und sensibel, ja sogar schwach zu sein. Er nennt diese Reise „die Reise des Jüngers Johannes“. Damit allein darf der Mann sich aber nicht begnügen. Es muß eine zweite Reise folgen, eine Reise in die tiefe Männlichkeit, eine geistliche Reise zum eigenen Selbst. Diese Reise nennt er „die Reise Johannes des Täufers“.

Ausgangspunkt für diese Reise ist der „Normal-Mann“, ein Mann, der dem Bild der Gesellschaft entspricht. Viele Männer sind meist unbewußt von diesem Bild geprägt. In der Bibel ist Petrus dieser männliche Repräsentant, der nicht schwach sein darf.

Heutzutage begeben sich nicht wenige Männer, vor allem aus der jüngeren Generation, auf die Reise ins Weibliche und schämen sich weder ihrer Gefühle, noch ihrer Sensibilität und auch nicht ihrer Schwäche. Wer sich seiner Männlichkeit sicher ist, kann es sich leisten, wie Johannes der Evangelist und Apostel sogar in Anwesenheit anderer Männer seinen Kopf an die Brust Jesu zu legen. Johannes ist stolz darauf. Am Ende seines Evangeliums erwähnt er noch einmal ausdrücklich diese Begebenheit: „Der Jünger, den Jesus liebt, der sich bei jenem Mahl an die Brust Jesu gelehnt hatte.“(Joh 21.20)

Die erste Reise beinhaltet Schwäche. Eine Frau kann Männer schwach machen, und davor haben Männer Angst. Macht und Stärke imponieren. Sogar im Zusammensein mit einer Frau müssen Männer stark sein und können sich nicht fallen lassen.

Eine falsche Stärke zeigt sich an Petrus. Er kann Jesu Leiden und Sterben nicht zulassen. Er ist sogar bereit, für Jesus in den Tod zu gehen. Aber als es ernst wird, kippt er bei der ersten Frage einer Magd, also einer Frau, bezüglich seiner Zugehörigkeit zu Jesus um und verleugnet ihn.

In der Ikonographie befindet sich Johannes unter dem Kreuz Jesu meist als einziger Mann inmitten der Frauen. Wer selbst schwach werden kann, muß dem Leid und der Not der Menschen nicht ausweichen.

Die erste Reise machen Männer also in Bezug auf Frauen. Vier Grundgestalten sind diesbezüglich zu nennen: Mutter, Schwester, Geliebte/Ehefrau und Tochter. Diese existieren zunächst als äußere Gestalten. Bisher hat noch jeder eine Mutter, es können auch bis zu drei sein: Eispenderin, Austrägerin und Adoptivmutter. Eine Schwester zu haben ist schon ein Glücksfall, eine Geliebte/Ehefrau will, kann und darf nicht jeder haben. Bei dem Rückgang der Kinderzahlen werden auch die Töchter seltener, vor allem in Ländern, in denen nur ein Kind erlaubt ist.

Die oben genannten Grundgestalten gibt es auch als innere Gestalten, als Entfaltungen der anima. Diese werden auf konkrete Frauen projiziert. So spricht man in der Kirche gerne von geistlichen Töchtern, die einer geistlichen Mutter zugeordnet sind.

Während meiner Zeit als Spiritual im Collegium Borromaeum in Münster waren die Priesterkandidaten in der Regel schockiert, wenn ich sie darauf aufmerksam machte, daß es, um gute Priester zu werden, auf jeden Fall auch zur Hochzeit kommen müsse, nämlich mit der eigenen anima.

Diese erste Reise ist aber noch nicht alles. Sie führt zwar dazu, daß die Männer häuslich, also Hausmänner werden. Aber es geht nicht ohne die zweite Reise, um das auf der ersten Reise Gewonnene nicht zu verlieren.

Laut Richard Rohr ist diese zweite Reise, aufgezeigt an Johannes dem Täufer, ein einsamer Weg, ein Weg in die Wüste und in die Einsamkeit. Heuschrecken und wilder Honig dienen als Nahrung, Kamelhaar als Kleidung. So sieht das Leben „des wilden Mannes“ aus.

Die tiefe Männlichkeit läßt einen solchen Mann alle männlichen und weiblichen Teile in sich annehmen und befähigt ihn, wirklich fromm und religiös zu sein. Matthias Claudius (1740-1815) empfiehlt seinem Sohn Johannes, sich solch frommen Menschen zuzugesellen. Abraham, dem ersten historischen Mann im Alten Testament, sagt Gott: „Wandle vor mir und sei ganz.“ (Gen 17,1)

Nur der integrierte Mann, der die Polarität „männlich-weiblich“ in seinem Innern vereint hat, kann religiös sein und hat einen erleichterten Zugang zur Transzendenz. Früher wurden auch nur solche Menschen Priester. Der Urschamane war ein WeibMann. Der androgyne Mensch hat einen näheren Kontakt zur Transzendenz und kann dorthin vermitteln. Die Aufhebung der Polarität läßt dem Heiligen näher sein.

Frauen machen die Erfahrung des Auferstandenen, während die Männer, wie zum Beispiel die Emmausjünger, den auferstandenen Jesus als solchen nicht wahrnehmen. Obwohl sie die Heilige Schrift kennen, spüren sie nicht, was geschieht.

So erging es trotz ihrer Gelehrtheit auch schon den Schriftgelehrten, sie kannten die Ankündigung der Geburt Jesu, verstanden sie aber nicht und nahmen die Erfüllung der Weissagung nicht wahr. Während sie fromm und andächtig die entsprechende Schriftstelle lasen, geschah in ihrer Nähe genau das, was sie lasen: „Du, Bethlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Stätten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“ (Mt 2,6) Erst durch die Suche der Weisen aus dem Morgenland nach dem neugeborenen König werden sie auf Jesu Geburt aufmerksam.

Der Osten kennt vier Entwicklungsstufen des Mannes:
1. der Schüler, der lernt
2. der Haushalter, der mit Frau und Kindern in einer Familie lebt
3. der Sucher und Waldbewohner, der über seinen Zaun hinausschaut
4. der alte Weise

Wer sich auf die Reise machen kann, wird ein solch alter Weiser, der nicht mehr in der Welt des Entweder-Oder lebt, sondern in der Welt des Sowohl-Als-auch. In der Nähe des Todes kommt er zu einem tiefen Vertrauen in das Leben und zu der Erkenntnis, daß es nichts Vollkommenes gibt außer Gott.