Karfreitag, 15. April 2022

Die Schöpfung ist polar, somit hat alles zwei Seiten. Bei den Darstellungen der Wirklichkeit fehlt oft eine Seite. Wir tun uns nicht nur schwer, beides gelten zu lassen, sondern auch, das Gegenteil anzuerkennen.

Ein Beispiel dafür ist die Darstellung des Kreuzes, an dem Jesus gestorben ist. Die ersten Christen haben es gar nicht als ihr Zeichen verwendet. Ihr Erkennungsmerkmal war anfangs der Fisch. Erst durch den Sieg des Kaisers Konstantin (zwischen 272 u. 285-337) 312 im Zeichen des Kreuzes wurde der Fisch durch ein Triumphkreuz abgelöst. Daraus wurde später ein Leidenskreuz.

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Jesus wird ans Kreuz geschlagen. Erhöht über den Menschen, angenagelt wie an einen Marterpfahl, krümmt er sich vor Schmerzen. Sein Weg ist zu Ende, er darf nicht einmal mehr auf der Erde liegen, er ist erhöht am Kreuz (vgl. Phil 2,9). Er leidet unsere Gebrechen, das Los des Sünders, den die Gewohnheit an das Böse fesselt.

Für den Dichter Venantius Fortunatus (530-609 n. Chr. G.) war ein Kreuz nicht nur Zeichen der Qual. Er sah durch Leiden und Tod hindurch und erkannte hinter dem Leid und dem Schmerz eine andere Realität, die für ihn wichtiger war. Sein Hymnus „Pange Lingua“ (gesungen) gibt Zeugnis davon.

Venantius Fortunatus vergleicht das Kreuz mit einem Baum und verbindet es dadurch mit den Bäumen des Paradieses; denn das Kreuz ist der wahre Lebensbaum. Der Gekreuzigte führt uns ins Paradies zurück, er schenkt das Leben, das stärker ist als der Tod, weil es dem Leiden nicht ausweicht. Erst wer das sieht, versteht das Kreuz in seiner ganzen Fülle.

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Laut Legende reichte die hl. Veronika Jesus an der 6. Station des Kreuzweges ein Schweißtuch, auf dem sich das Gesicht Jesu Christi abgebildet haben soll (vgl. Lk 23,27ff).

Seit dem 12. Jahrhundert führt man ihren Namen unter anderem auch auf die Zusammensetzung „Vera Ikon – wahres Abbild“ zurück.

 

 

 

 

1950 machte der Prager Arzt R. W. Hollenegg eine überraschende Entdeckung. Schon lange hatte er einen Zusammenhang zwischen den alten Veronica-Bildern und dem byzantinischen Christus-Bildern mit dem Antlitz des Turiner Grabtuches vermutet. Durch photografisches Übereinanderkopieren erbrachte er den Beweis, daß das Turiner Grabtuch direkt und indirekt allen westlichen und östlichen Christusbildern zu Grunde liegt.

 

 

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Schluß des Hymnus „Pange Lingua“ von Venantius Fortunatus

Treues Kreuz, du einzig edler unter allen Bäumen,
kein Wald bringt einen hervor, der von solcher Art ist an Blüten, an Laub, an Sprossen,
du liebliches Holz, hältst mit lieblichem Nagel die liebliche Last.

Beuge deine Zweige, hoher Baum, lockere deine ausgestreckten Glieder,
und nachlassen soll die Starre, die deine Herkunft dir gab,
damit du die Glieder des höchsten Königs mit mildem Stamm ausspannst.

Du allein warst würdig, die Erlösung der Welt zu tragen
und der schiffbrüchigen Welt einen Hafen zu richten als Seemann,
du, den das heilige Blut tränkte, vergossen von des Lammes Leib.

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„Christus erscheint als Schmerzensmann über einem Heilsbrunn stehend, das Kreuz als Kelterbalken über sich gelegt, das ihn niederdrückt und sein Blut zum Heil der Menschheit aus dem Leibe presst, das in das Becken strömt. Die dargestellten Laster (Zorn, Unmäßigkeit, Verschwendungssucht, Stolz, irdische Liebe, Neid, Geiz) sind als Akteure gezeigt, die die Kelter herniederdrücken. Diese Darstellung ist äußerst selten und hat ihre Vorlagen in der niederländischen Graphik des 16. Jahrhunderts“ (Gregor M. Lechner 1940-2017).

Siehe auch Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben (Joh 15,5) und Archäologen finden Beweis: Die Römer kreuzigten auch in Britannien.