11.4.2020

Karl Leisner und das Kreuz Christi

Vermutlich gab Walter Vinnenberg den Anstoß zur Gründung einer Jugend­grup­pe. Der Impuls verselbständigte sich, die Jungen machten Ernst und baten Walter Vinnenberg um Hilfe. Obwohl selbst Quickborner, schien er nichts da­ge­gen zu haben, daß die Jungen um Karl Leisner ihre Gruppe dem Jungkreuz­bund, Orts­gruppe Kleve-Rhein­gau, zuordneten.

Willi Leisner am 15. Juni 1998 an Hans-Karl Seeger:
Walter Vinnenberg war Quickborner. Er hatte meines Wissens auf der „Mün­ze“ Kontakt zu Föns van Thiel, Theo Derksen und Willi Berns, [die schon dem Jungkreuzbund angehörten und deren Gruppe vermutlich den Na­men „Sigis­mund“ trug], und so kam die Gruppe „St. Werner“ zum Jung­kreuz­bund. Der war als Jugendgruppe des „Kreuzbundes“ nicht be­sonders „jugend­be­wegt“.

Karl Leisner machte morgens nach dem Aufstehen als Erstes ein Kreuzzeichen.

Münster, Freitag, 31. Mai 1935
Morgens das Kreuzzeichen in Ehrfurcht und Kraft nach kraftvollem Erhe­ben, dann auf der Kapelle: pünktlich da, Sammlung, tief atmen zu Beginn, gewärtig werden.

Warum Karl Leisner sich mit seinen Klas­senkameraden dem Jungkreuzbund an­schloß, könnte laut Hermann Ringsdorff in einem Gespräch am 3. Dezember 1998 mit Hans-Karl Seeger auch an folgendem liegen:
Das „Kreuz“ im Namen Jungkreuzbund hat es Karl Leis­ner angetan. Karl Leisner hat mich, den pietistisch erzoge­nen Jun­gen als Schüler ge­fragt: „Be­kreu­zigst Du Dich, wenn Du morgens aufstehst?” – „Nein” – „Dann tue es nur!” – „Ich tue es auch heute noch.“ Das Kreuz war für Karl Leis­ner etwas ganz Wichti­ges. Es war so, als wäre in ihm das Mär­tyrer-sein-Müssen schon ange­legt gewesen.

Heinrich Czeloth:
Das Kreuz, das der Kreuzbund im Namen und Abzeichen führt, läßt erken­nen, daß der Kreuzbund an der „Torheit des Kreuzes” [1 Kor 1,18] seinen Anteil hat.[1]
[1] Heinrich Czeloth: Von Lourdes bis Neviges 1896–1946. 50 Jahre Kreuzbund, Büren: Hoheneck-Verlag 1948: 5

Münster, Sonntag, 24. Juni 1934 (St. Johannes-Baptista)
Wir ebenso haben die Aufgabe Wegbereiter Christi zu sein in der Welt, nicht nur Hochämter zu halten, son­dern uns am Altar unsere Kraft zu holen und dann auf den Märkten des Le­bens Christi Wegbereiter zu sein! – Als Einzelne wie als Volk! Im Mittelalter trug unser Volk die christliche Krone des Abendlandes und war Wegbe­reiter Christi unter dem Kreuze Christi, und keinem anderen Kreuz! – Diese große Sendungen dürfen [wir] nicht verscherzen! –

Daß er täglich dem Kreuz begegnen würde, war Karl Leisner klar.

Münster, Sonntag, 13. Februar 1938
Wirf nie den Helden weg in deiner Brust! – Es ist mein PI [Persönliches Ideal]: Priester Gottes zu werden! Trotz der störrischen Natur. Ihren rechten Wert anerken­nen und einordnen in das große wahre christliche Wertgefüge! Ganz schlicht heißt das Ernst machen mit des Herren Wort: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! [Mk 8,34]“ – Das Kreuz für mich kenne ich jetzt zur Genüge. So will ich’s denn mit Ernst und Gottes Kraft auf mich nehmen. Gaben der Natur – Aufgaben der Gnade! Sieg – Heil!

Münster, Karfreitag, 15. April 1938
Am Karfreitag will ich in aller Klarheit vor dem Kreuz Christi noch einmal alles in letzter Schlichtheit und Ehrlichkeit bedenken und vor Ihn hintragen in ernster Besin­nung und flehentlichem Gebet. Er kennt meines Herzens tiefstes Sehnen – und wird es erfüllen.
Christus, Du mein Leben, meine Liebe, Du meine Leidenschaft, durchglühe, entflam­me, erleuchte mich!

Münster, Weißer Samstag, 23. April 1938
Hab’ ich diesen weltüberwindenden Glauben, diese unerschütterliche Liebe zu mei­nem Erlöser? Und kann mein wildes Herz sich Ihm als Nachfolger in Kreuz und Selbstverleugnung anheimgeben so restlos und unbedingt im Verzicht auf jede eheliche Liebe zu einem Menschen und Gotteskind? – Oh, ich stöhne unter diesem Entscheid. Soll er grad mich wollen aus Tausenden.
[...]
Alles ist Gnade und Berufung.– Wohin will er mich? Was ist meine letzte Wesens­bestimmtheit? Hier auf Erden natürlich – ich meine, was für eine Aufgabe habe ich zu lösen? – Ich fühle große Kraft in mir und sehe unendliche Möglichkeiten. – Herr, wohin Du mich willst, dahin geh’ ich – auch in Nacht und Not und Leid. Ja – Gib mir Befehl! Befrei’ mich von jeder Selbstsucht!

Münster, Samstag, 25. Februar 1939
Tausend Worte hab’ ich nun immer wieder (oft in Selbstliebe und falschem Trieb befangen) gesprochen. Jetzt geht es auf das letzte Liebeswort für das ganze Leben zu, mit aller Lust und allem Leid gesprochen – wie jedes Liebeswort, auch unter Menschen, die sich restlos einander lieben und weihen wollen. – Ich spreche „Ja, Vater“, weil Gott zu mir gesprochen., „Ja, du bist mein lieber Sohn.“[2] – Ich kann und will nicht mehr anders und koste es das Leben des Kreuzes; und das kostet es ganz sicher mehr als ich es aussprechen kann. Aber ich ahne es. Herr, ich entscheide mich für Dich, Dir gehört mein Leben und Sterben! Suscipe deprecationem nostram, miserere nobis! [Nimm unser Flehen gnädig auf, erbarme dich unser!][3]
[2] Vgl. Mk 1,11; Mt 3,17; Lk 3,22; Mk 9,7; Mt 17,5; Lk 9,35.
[3] Aus dem Gloria der Eucharistiefeier.

Dieses Versprechen mußte Karl Leisner gezwungenermaßen bereits gegen Ende desselben Jahres einlösen; denn nach seiner Verhaftung am 9. November 1939 in St. Blasien gab es kein zurück mehr.

In sein Zimmer im Collegium Borromaeum in Münster hatte er sich ein Kreuz aus Birkenstöcken aus dem Reichs­wald gehängt. Ein solches Kreuz schmückte später auch sein erstes Grab auf dem Klever Friedhof.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Krieg war es üblich, den gefallenen Soldaten ein Birkenkreuz aufs Grab zu stellen, meistens gekrönt mit dem Stahlhelm. Karl Leisner war ein Soldat Christi, im Kampf für ihn und dessen Reich gestorben.

Auf der Grabtafel, wo sonst der militäri­sche Rang des Soldaten steht, wird Karl Leisner als Neupriester tituliert. Mit dem Birkenkreuz in seinem Zimmer im Collegium Borromaeum hatte sein Theologiestudium begonnen, mit einem Birkenkreuz endete sein irdisches Leben. Im Himmel ist er als Seliger (Heiliger) mit der Palme der Martyrer geschmückt.

* * * * *

Einen indirekten Bezug zu Karl Leisners Leben hat das „Mutterkreuz“ von Mutter Elisabeth Ruby.

Während seiner Außensemester in Freiburg hatte sich Karl Leisner in die Tochter Elisabeth seiner Gastfamilie Dr. Josef Ruby verliebt, entschied sich aber nach langem Ringen und schweren inneren Kämpfen doch für den Priesterberuf. Mutter Ruby hatte 12 Kinder geboren, ein Grund für die Nationalsozialisten, ihr das Mutterkreuz zu verleihen. Sie aber nahm es nicht an. Statt dessen ließ Dr. Ruby für seine Frau ein Kreuz mit zwölf Rubinen auf den vier Kreuzbalken fertigen. Dieses „Mutter­kreuz“ wurde später zum Bischofskreuz.

Heinrich Maria Janssen wohnte auch als Stu­dent während seiner Außen­semester in Freiburg bei Familie Ruby. Als er 1957 Bischof von Hildesheim wurde, fertigte man sein Bischofskreuz aus dem „Mutterkreuz“ von Frau Ruby.

Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung! Sei uns gegrüßt, du heiliges Kreuz!