12.8.2020

Karl Leisner und seine Zweifel

Zum Glauben gehört auch der Zweifel

Karl Leisner (* 28. Februar 1915, + 12. August 1945), dessen Gedenktag wir heute begehen, wurde auch wegen seines starken Glaubens seliggesprochen. Zum Glauben aber gehört auch der Zweifel. Seine Tagebucheinträge geben Auskunft darüber.

Münster, Donnerstag, 10. Mai 1934, Christi Himmelfahrt
Erster langer Ausgang (Telgte mit [Gerd] Tosses)
5.45 Uhr raus. 6.15 Uhr Levitenhochamt [im Collegium Borromaeum zum Abschluß des Ewigen Gebetes]. Klappt Ia! – Zweifel überwunden! –
[...]
Von 11.10 bis 11.35 Uhr: [Adolf] Donders predigt! „Christus ist tot!“ – „Nein, er lebt!“ Auch in unserer Zeit (in der Kirche!). – Sie lebt. – Aufgabe des Chri­sten: 1.) groß, 2.) siegreich und 3.) glückbrin­gend.

Aus der Vorlesung von Dienstag, 26. Juni 1934
Peter Wust: Noetik und Logik4. Die Ungewißheit oder der Zweifel
§
22. (§ 19) Vom Wesen des Zweifels
[...]
Unser Geist hält dann sein Urteil zurück und das führt zu dem vielfach diskutierten Begriff des Skeptikers. Diese Einhal­tung des Urteils hat ihre verschiedenen Intensitätsgrade. Zunächst ist gege­ben das skeptische Schweigen, dieses führt aber in letzter Konsequenz zur absoluten Regungslosigkeit des Geistes, zur Seelenruhe des Skeptikers, die jedoch mit der Seelenruhe des Stoikers nicht verwechselt werden darf. Im Grunde ist jedoch diese Seelenruhe des Skepti­kers keine wahre Seelenruhe, sondern eine Art seelische Erstarrung. Der Zweifel täuscht sich hier nur die Ruhe vor, während er sei­nem Wesen nach unsern Geist immer tiefer in die Unruhe hineinwirft. Wahre Ruhe kann der Seele nur durch die Evidenz der Wahrheit vermittelt werden.

Münster, Mittwoch, 27. Juni 1934, Johannesoktav
18.00 bis 18.30 Uhr §§ 19 und 20 Hagemann-Dyroff[1] studiert (Zweifel[2]). Dann etwas entspannt durch Lesen der „[Katholischen] Jungwelt“ und Witze.
[1] Hagemann, Georg / Dyroff, Adolf: Logik und Noetik. Ein Leitfaden für akademi­sche Vorlesung sowie zum Selbstunterricht von Dr. Georg Hagemann, neu be­ar­beitet von Dr. Adolf Dyroff, Freiburg/Br.11 u. 121924
[2] Im Buchteil über die Erkenntnislehre (Noetik) handeln die §§ 14 bis 30 von Gewiß­heit und Zweifel.

Münster, Sonntag, 12. Dezember 1937, Gaudete
Gestern, wo ich einen Anflug von Fleiß hatte, war mir auf mal alles so klar, heute verschwamm alles in libido [Begierde] (= Schlappheit des Geistes, sich aufzuraffen) und Zweifel. Wer schafft, hat was vom Leben. Das ist der Sinn des Lebens. Immer schaffen. Ich bin mir doch jetzt grundsätzlich klar, des­halb jetzt auch ran. Wenn ich das[,die Wissenschaftliche Arbeit,] bis zum 15. nicht schaffe, bin ich ein Ham­pelmann, aber kein deutscher Kerl, der einmal Priester werden will! – Das in allem Ernst!

Bücherlese 1938
(Unterscheiden zwischen Gebet und Gebetsvorbereitung:)
„Das Gebet geschieht im Nu und nimmt teil an allen Eigenschaften der Ewigkeit. Mag es andauern, so bleibt es doch dasselbe in allen aufeinan­der­folgenden Augenblicken, die ganze Zeit, die man ihm widmet, dasselbe in allen Momenten dieser Zeit.“ [...]
„Diese Weise des (zuständlichen) Gebets kannten alle Väter. Gewiß spra­chen sie auch von der Betrachtung über Gott und sein Gesetz, aber ohne Zweifel haben sie das eigentliche Gebet, die Einigung des Geistes mit Gott, stets vor­gezo­gen.“[1]
[1] Henri Brémond: Histoire Littéraire du Sentiment Religieux en France depuis la fin des Guerres de Reli­gion jusqu’à nos Jours [Literaturgeschichte des religiösen Empfindens in Frankreich von den Religionskriegen bis heute], Bd. 7. La Métaphysique des saints [Die Metaphysik der Heiligen], Paris: Librairie Bloud et Gay: 119–121, mit Auslassungen

Münster, 21.5.1938
Ave Elisabeth [Ruby]!
Es war entsetzlich schwer. Glaube und Vernunft, Kopf und Herz hätte ich dabei verloren, wenn mir nicht die himmlische Mutter geholfen hätte. Eine furchtbare Mattigkeit und ein noch schlimmerer Zweifel am Sinn meines Lebens überfielen mein so selbstsicheres, stolzes Herz. – Ich glaube, Dein Gebet gespürt zu haben. Nie hab’ ich so für Dich gebetet wie in den ver­gan­genen Wochen. Dein Schwei­gen hat mir wohlgetan. Ich danke Dir für Deine Güte und schwesterliche Liebe, die Du mir seit den Tagen unserer Begeg­nung schenktest. Dir danke ich viel, und Christus ist mir in Dir begegnet, wie Er mir noch nie entge­gentrat. Introibo ad altare Dei ad Deum qui laetificet iuventutem nostram! [Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der unse­re Jugend erfreue![1]]
[1] Aus dem damaligen Stufengebet zu Beginn der Meßfeier: „Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der mich er­freut von Jugend auf.“ Karl Leisner hat „laetifi­cat – erfreut“ in laetificet – erfreue und „meam – meine Jugend“ in no­stram – unsere Jugend verändert.

Münster, Freitag, 1. Juli 1938
Rückblick in der Vorbereitung auf die Niederen Weihen:
Nikolaus[1] – O Kinder! – Dezember [1936]. O, wie drängt’s auf mich ein ... Weihnachten [bei Familie Ruby] ... Da wieder: Schönstatt! [Theologen­tagung 1. bis 5.1.1937]. Es ist ein tödli­ches Ringen, fast vier Jahre ist’s her: Nun [wäh­rend der Theologen­tagung] knie ich wieder zu Füßen der Mutter. Quid faciam? [Was soll ich tun?] – Mitte Januar [1937]: Ich werde wie­derum krank.[2] 2. Fe­bruar [1937]: Silberhochzeit im Hause R. [Ruby]. – Ich bin krank vor Liebesleid und innerem Weh. – Straßburg [Februar 1937] reißt mich auf – Isenheimer Kreuzbild erschüttert mich – zu letztem Ernst! Es ist mir, ich weiß nicht wie, ich spüre dies ganz tief: „Wanderer zwischen beiden Welten“ bist du. – Jener unvergeßliche Tag [28.2.1937 im Hause Ruby]: Da ich 22 wurde. – Geläutert wurde der amor zum Eros, ja ganz tiefe Agape klingt durch. – Ein selten Gemisch, ich möcht ver­gehen vor rei­nem, weitem Sehnen des Herzens. – Im März [1937]: Der [Bamberger] Reiter und die Begegnung mit dem Priester. Deo Gra­tias. – Herr, wohin willst Du mich? – Münster [23./24.3.1937]: Examina „ge­schmis­­sen“ – Einkehr­tag [am 25.3.1937 bei Professor Anton Walter]. – Dirumpe catenas diaboli! [Zerreiße die Ketten des Teu­fels!] Pflieg­ler: Vor der Ent­schei­dung. – Ich fahre [am 3.4.1937] gen Sachsen in den RAD [Reichsarbeitsdienst] – ungewiß, was da mit meinem Lebensgeschick wird. Dahlen [3.4. bis 19.5. 1937] – fünf Mo­nate Emsland [21.5. bis 23.10.1937] – Weite, Ernst, Nächte der Wache – Auf­schrei in tiefster Not. Ich ersticke im Sumpf, mehr fast unter der Wucht per­sönlicher Entschei­dung! – Deutschland wo­hin? – Alles für Deutsch­land, Deutschland für Christus! [Ludwig Wolker] – Josef Kuhne stirbt [am 30.8.1937]. – Ich suchte das lockende Leben, ich suchte Klarheit und stand vor dem Tod. Dort fand ich sie. Der Oktober [1937] ist zerreibend. Franz [Schöndorf] fehlt mir. – Zerschmettert und froh zugleich komme ich in die Exia spir. [Exercitia spi­ritua­lia – Geistlichen Exerzitien mit P. Ludwig Esch SJ vom 23. bis 28.10.1937] nach Münster. – Sie geben Ruhe, Klarheit. Der Entschluß ist zu plötz­lich und – schwer schwingt das Dunkle in der Seele nach. Ein bitteres Semes­ter [Winter­semester 1937/1938] – und doch: ich fress’ mich durch alles durch. Das Herz leidet, leidet. – Freiburg/Br. [17. bis 30.3.1938]: Ich falle nieder und flehe zum Herrn. Er führt mich wieder eigen. Ich vertraue und trampe [von Freiburg/Br. nach Kleve] zurück guten Mutes. – Mein Gott, was willst Du von mir?! – Im „Juvenat“[3]: glückli­che Tage; dann nagender Zweifel. – Ich mißtraue, alles bricht schmerzlich neu auf – und jetzt: dies Ende! Was ich zutiefst suchte, fand ich: ihre [Elisabeth Rubys] Freundschaft in der Liebe Christi, (vgl. Röm 8,35; 2 Kor 5,14; Eph 3,19 u. ö.)] – Ja, ich fasse es kaum: der Herr hat deine innersten Tiefen ans Licht ge­führt. Jetzt heißt es, dies in Wahrhaftig­keit, Demut und Bescheidung aner­kennen. Er hat mich wunder­bar „über­listet“ in Seiner einzigartigen Füh­rung, die ich nicht verdient habe. – Diese [Semester-]Ferien sollen brin­gen die Vertiefung des „Adsum!“ in Treue und Prü­fung. Ver­trauen auf Gottes einzigartige Macht und Berufung, aber herz­haftes Miß­trauen auf eigenes Vermögen. Demütig werden, selbstlos, beschei­den: Got­tes Größe betrachten, die Ei­gensucht in Schranken bringen und zu wah­rer Selbst­­er­kenntnis und Selbst­liebe führen in virtute Dei [der Kraft Gottes]! – Treue und Pünktlich­keit, Ordnung und Stille! Im kleinen Gesche­hen des All­­tags sich bewähren. An Christkönig [30.10.] will ich das letzte innere Wort der Bereit­schaft zum ungeteilten, jungfräulichen Dienst vor Gott spre­chen können!
[1] Nikolausfeier am 2.12.1936 im Kindergar­ten in Freiburg/Br. Unter den Kindern war auch das jüngste Kind der Familie Ruby.
[2] Mittelohrentzündung vom 20.1. bis 2.2.1937
[3] Die Jüngsten von Karl Leisners Kurs mußten wegen Überfüllung des Priester­seminars noch im Collegium Borro­maeum wohnen.

Münster, Dienstag, 19. Juli 1938
Das zweite [dritte] Jahrzehnt, die zweite [dritte] große Jahreswoche meines Lebens begann [am 28.2.1935] mit einem gewaltigen, sich steigernden Le­bens­­wil­len. Man­neskraft, Lebensmut, Lebensgefühl sprangen auf wie gol­de­ne Quellen aus dunklen Tiefen. Reich und stark, frei und groß erschien mir das Leben. Stolz, ja wohl nicht frei von falscher Überhebung ging ich meinen Lebens­weg. Manneszucht ließ vielleicht ein wenig nach, und rechte Ord­nung deuchte mir nicht so nötig in der überschäumenden Kraft. – Da kam der Ein­bruch des spiritus impurus [unreinen Geistes], dann die bösen Krankheiten[1] und zuletzt die nagenden Zweifel, das wilde Sichauf­bäumen, das sentimentale Sichverzehren. Ein tödliches Ringen um Reinheit, Selbst­losigkeit, Wahrhaf­tigkeit und innere Freiheit. Wie steht’s heute? Gestern war ich bei Walter [Vinnenberg]. In Sprakel im neuen Kirchlein [St. Marien] betete ich instän­dig vor dem Taber­nakel.[2] – Ja wirklich, Satan prüft mich, zerrt mich, will mich verführen, will mir meinen herrlichen Christusglauben entreißen, will mir meine natürliche Unbefangenheit und erkämpfte Reinheit rauben, will mich meinem herrlichen Gottesruf abspenstig machen. Er will mich verwir­ren, meine Überzeugung zerstören. Es soll ihm nicht gelingen!
[1] zweite Oktoberhälfte / erste Novemberhälfte 1936 Rippenfellent­zündung, Januar / Februar 1937 Mittelohrentzündung und 1937 Rheuma und Ischias im RAD
[2] 1934 hatte Münster-Sprakel eine schlichte Backsteinkirche bekom­men, die 1977 durch einen Neubau ersetzt wurde.

Kleve, Samstag, 31. Dezember 1938, [Heiliger] Silvester
Dank Dir großer Gott,
Lob und Preis und Ehr’,
Daß Du mich nach aller Not
Gestellt hast in Dein Heer.

Schweren Zweifel ließ’st Du kommen,
Doch des Gnadenrufes Stärke
Hat sie mir all’ weggenommen.
Hier bin ich: zu erfüllen Deine Werke!

Dir danke ich aus Herzensgrund,
Dir singe ich in Sang und Schweigen
Für des vergangnen Jahres Stund’,
Für gutes End’ vom wilden Reigen.
Im Neujahr führ mich gnädiglich!
Dein Priester, willst Du, soll ich werden.

Die Zweifel, die Karl Leisner nach seiner Verhaftung am 9. November 1939 und vor allem auch während seiner Haft im KZ Dachau gehabt haben mag, sind schriftlich nirgendwo festgehalten. Seine Zuversicht, Priester zu werden, erfüllte sich gegen alle Hoffnung am 17. Dezember 1944 im KZ Dachau.

Seeger, Hans-Karl / Latzel, Gabriele (Hg.)

Karl Leisner. Priesterweihe und Primiz im KZ Dachau, Münster 12004, Berlin 2. erwei­terte Auflage 2006 – ISBN 3-8258-7277-7

 

Siehe auch Impuls vom 5. Februar 2020 – Zum Glauben gehört der Zweifel.